Solothurn
Migrantinnen steigen nach diesem Kurs mit neuem Selbstvertrauen in den Sattel

Was für Schweizerinnen eine Selbstverständlichkeit ist, ist für Migrantinnen oft eine Tätigkeit, die Angst macht: Velo fahren. In Solothurn wurde ein Pilotprojekt von Pro Velo Schweiz durchgeführt, an welchem Frauen das Velofahren lernen konnten.

Katharina Arni-Howald
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Die Migrantinnen begrüssen sich
10 Bilder
Passt, wackelt, hat Luft. Der Helm gehört einfach dazu.
Gruppenbild vor dem Start
Altes Spital führt Velokurse für Migrantinnen durch
Mit Leuchtweste gehts auf die Strasse
Beim Kurs handelt es sich um ein Pilotprojekt von Pro Velo Schweiz
Das Ziel ist es, die aktive Lebensgestaltung von Migrantinnen zu fördern und ihnen zu ermöglichen, sich frei und sicher im Strassenverkehr zu bewegen.
Velokurs für Migrantinnen 019

Die Migrantinnen begrüssen sich

Hansjörg Sahli

Dilaras Augen strahlen. Immer wieder haben die Kinder der jungen Kosovarin versucht, der Mutter das Velofahren beizubringen. Vergebens. «Ich bin aufs Velo gestiegen und ein paar Meter gefahren, dann habe ich Angst bekommen und bin abgestiegen.»

Nicht anders ist es Sofia aus Afghanistan ergangen. Fünf Jahre hat sie darauf gewartet, dass ihr jemand das Velofahren beibringt. Und plötzlich war der Moment da. «Ich bin zwar auf der Strasse noch etwas unsicher, aber ich werde weiterhin üben und am Wochenende mit meiner Familie Velo fahren gehen.»

Für weitere Kurse fehlt das Geld

Am liebsten möchte sie, dass der Kurs weitergeführt wird, aber das sei nicht so einfach, meint die Fachverantwortliche Integration im Alten Spital, Catalina Walther. Beim Kurs handle es sich um ein Pilotprojekt von Pro Velo Schweiz, der zu diesem Zweck ein umfangreiches Handbuch herausgegeben hat.»

Für weitere Kurse fehlten im Moment in Solothurn aber die Ressourcen und das Geld, bedauert sie und lobt die Fachleute des regionalen Verbandes für die Interessen der Velofahrenden, die das Pilotprojekt auf freiwilliger Basis mitgestaltet haben.

Das Ziel war, die aktive Lebensgestaltung von Migrantinnen zu fördern und ihnen zu ermöglichen, sich frei und sicher im Strassenverkehr zu bewegen. Denn anders als in der Schweiz, wo jedes Kind Velo fahren kann, haben viele Erwachsene mit Migrationshintergrund in ihren Herkunftsländern keine Möglichkeit, Velo fahren zu lernen.

So erging es auch Emine aus der Türkei, die ihre Kinder überraschen wollte. Einmal habe sie es versucht und dabei den Ellenbogen «kaputtgemacht». Von da an habe sie Angst gehabt, auf ein Velo zu steigen - bis zu jenem Tag, als sie vom Kursangebot hörte und alle Ängste über Bord warf. «Der erste Tag war schwierig», erzählt sie - glücklich, dass sie es geschafft hat. Am zweiten der insgesamt sechs Kurstage habe sie balancieren gelernt und dann sei es immer weiter aufwärtsgegangen.

Auch Emines Tochter Dilara ist stolz auf ihre Mutter. «Wenn das Wetter schön ist, können wir nun zusammen an die Aare gehen.» Total im Glück ist auch die Türkin Yildiz. Sie hat bereits ein Velo gekauft und träumt davon, mit ihrer Familie Velotouren zu machen, selbst wenn es mit dem Gleichgewicht noch nicht ganz klappen will.

Die Strassen erobern

Trotzdem steigen die Frauen am letzten Kurstag beim Schulhaus Brühl mit ihren Betreuern und dem gewonnenen Selbstvertrauen auf den Sattel, um die Strasse zu erobern. «Obwohl der Aufwand grösser war, als wir gedacht haben, freuen wir uns über den Fortschritt, den die Teilnehmerinnen gemacht haben», sagt Walther und hofft, dass die Frauen sich auch in Zukunft treffen werden. Ganz im Sinne der Integration, «die oft von ganz alleine geschieht».

Angenehm überrascht über den Erfolg ist auch Heinz Flück von Pro Velo, für den in einem weiteren Kurs die Verkehrssicherheit ein Thema wäre. Doch einstweilen hofft er, «dass die mit einem hübschen Diplom ausgezeichneten Frauen diese Art von Mobilität nutzen werden.» Und wer weiss, vielleicht findet sich irgendwann auch ein Sponsor, der weitere Träume der frischgebackenen Velofahrerinnen in Erfüllung gehen lässt.