Alex Pfingsttag

Seit 50 Jahren Film-Dolmetscher in Solothurn: «Ich bin in erster Linie aus Leidenschaft dabei»

Alex Pfingsttag aus Fribourg übersetzt zum 50. Mal an den Solothurner Filmtagen; Gespräch über ein lückenloses Engagement während eines halben Jahrhunderts.

Christian Murer
Drucken
Teilen
Hat Solothurner Filmtage-Geschichte geschrieben: Alex Pfingsttag übersetzt simultan seit 50 Jahren vom Französischen ins Deutsche und umgekehrt.

Hat Solothurner Filmtage-Geschichte geschrieben: Alex Pfingsttag übersetzt simultan seit 50 Jahren vom Französischen ins Deutsche und umgekehrt.

Christian Murer

Wir sitzen in Alex Pfingsttags Lieblings-Café «La Habana» in Fribourg. Draussen regnet es in Strömen. Doch dies hindert die Redseligkeit von Alex Pfingsttag keineswegs. Im Gegenteil. Der 73-Jährige erzählt sichtlich stolz über seine langjährige Tätigkeit als Dolmetscher in der Welt des Films. Wie immer trägt er auch diesmal wie an den Solothurner Filmtagen seine «Markenzeichen»: das verschiedenfarbige, runde Hütchen sowie das seidene Foulard. Oftmals bevorzugt er einen samtenen Schal aus Venedig.

Alex Pfingsttag, wie sind Sie eigentlich zu diesem Engagement gekommen?

Alex Pfingsttag: Im Jahre 1968 studierte ich an der Uni in Fribourg Romanistik. Gleichzeitig besuchte ich das Institut für Journalistik. Dort gab Stephan Portmann – der Vater der Solothurner Filmtage – Filmkurse. Da sagte er mir eines Tages, dass er unbedingt jemanden brauche, der die Brücke schlage zwischen den Welschen und den Deutschschweizer Filmemachern. «Komm doch nach Solothurn und übersetze die Podiumsgespräche. Dann kannst Du Dir gleichzeitig alle Filme anschauen» (was damals noch möglich war). Im ersten Jahr übersetzte ich nur Diskussionen im «Roten Turm». Im zweiten Jahr musste ich dann auch die Filme in die jeweils andere Sprache übersetzen.

Start am Donnerstag

Die 53. Solothurner Filmtage starten offiziell am Donnerstag, 25. Januar, um 17.30 Uhr mit Reden und Eröffnungs-Film in der Reithalle Solothurn. Bis zum 1. Februar werden an neun verschiedenen Spielstätten in der ganzen Stadt die Highlights der Schweizer Filmproduktion des vergangenen Jahres gezeigt. Zur Aufführung kommen 159 Filme in den Sparten Spielfilm, Dokumentarfilm, Kurzfilm und Video. Zudem finden verschiedenste Diskussionsforen, Workshops und Ausstellungen zum Thema Schweizer Film statt. (frb)

Gab es denn damals schon Dialoglisten?

Nein, das gab es noch nicht. So stellten sie denn im ersten Jahr im Kino Scala als einzige Arbeitshilfe ein Mikrofon und eine Kamera in den Saal sowie einen kleinen Monitor mit einem unscharfen Bild in Schwarz-Weiss für mich in den Heizungsraum im Keller. Dies passte mir ganz und gar nicht; es war überhaupt nicht lustvoll. Denn ich kam ja nach Solothurn, um Filme in guter Qualität auf der Leinwand zu sehen und zu geniessen. Anderntags stand dann ganz hinten im Saal eine kleine Übersetzungs-Kabine.

Erinnern Sie sich an eindrückliche Gesprächsrunden?

Ja, klar. An den jeweiligen Diskussionen mit Daniel Schmid, Fredy Murer, Kurt Gloor, Michel Rodde, Alain Tanner, Lea Pool hatte ich stets höllisch den Plausch. Viele von diesen Filmemacherinnen und Filmemachern sind nach all den Jahren meine Freunde geworden. Später gründete ich an der Universität Freiburg das ‹Uni-Filmforum›, zu dem ich die bekannten Macherinnen und -macher – schon vor der Auswahlschau – mit ihren Filmen einlud und mit ihnen nach den Vorführungen die Filmdiskussionen animierte.

Wie war denn früher die Stimmung in Solothurn?

Es war einfach herrlich, weil die Filmtage noch viel familiärer daherkamen als heute. Da reisten jeweils die Festival-Verantwortlichen aus Mannheim, Leipzig, Oberhausen, von den «Rencontres Film et Jeunesse» aus Cannes nach Solothurn. Im oberen Saal des Hotels Krone assen wir jeweils – gemeinsam mit der ganzen Geschäftsleitung – das Mittag- und Nachtessen. Man kam sich dabei auch ganz persönlich viel näher. Durch die Grösse der Filmtage ist dies heute ja kaum mehr möglich; alles verzettelt sich, und man weiss kaum mehr, wer wer ist und was tut. Die Stimmung hat sich in all den Jahren radikal verändert.

Bleibt von den Podiumsgesprächen jeweils etwas hängen?

Ganz klar interessiert mich der Inhalt dieser Gespräche. Ich bin ja in erster Linie aus Leidenschaft dabei. Da bin ich auf dreihundert Touren konzentriert. Denn immer wieder sind Dinge dabei, die für mich persönlich, oder für meinen früheren Hauptberuf als kantonaler Medienbeauftragter und später als Konservator der audiovisuellen Kulturgüter des Kantons Freiburg, nützlich waren respektive sind und mich weiterbringen. Und die Schweizer Filmszene, die mir sehr am Herzen liegt. Man denke schon allein an all die Themen, die Lebenssituationen, die man durch die in Solothurn gezeigten Filme kennen lernt, Erfahrungen, von denen man im eigenen Leben profitieren kann.

Was brachte dieses Dolmetscher-Engagement für Ihr persönliches Leben?

Von dieser Arbeit an den Solothurner Filmtagen profitierte ich neben der eben genannten Bereicherung an Lebenserfahrungen via Film auch sonst ausserordentlich viel. Denn wegen meiner Filmbegeisterung bin ich damals – von Stephan Portmann ins kalte Wasser geschmissen – Dolmetscher geworden, was zu einem Lawineneffekt führte. So entdeckte und engagierte mich Moritz de Hadeln, der 1969 das Dokumentarfilmfestival in Nyon gründete und von 1972 bis 1977 das Internationale Filmfestival Locarno leitete. In der Folge stellte ich in Locarno 38 Jahre lang Schauspieler und Regisseure auf der Bühne vor und leitete anschliessend die Diskussionen mit dem Publikum und die Pressekonferenzen. Und nachdem de Hadeln Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin geworden war, dolmetschte ich 22 Jahre lang jeden zweiten Wettbewerbsfilm plus die Pressekonferenzen dazu. Bei den französischsprachigen Zuschauern der Berlinale hat mir das den schmeichelhaften und ehrenvollen Übernamen «La Voix de Berlin» eingetragen.

Sind Sie nicht einmal ausgezeichnet worden?

Ja, bin ich. Als Dolmetscher war ich dabei, als die französische Regierung de Hadeln mit dem «‹Commandeur des Arts et des Lettres» ausgezeichnet hat. Nie hätte ich damals erträumt, dass ich selber ein paar Jahre später vom französischen Kulturminister den Orden des «‹Officier des Arts et des Lettres» mit demselben Zeremoniell bekommen würde.

Sie haben auch bekannte Filmschauspielerinnen fotografiert.

Ja, ein weiterer Vorteil meiner Film-Dolmetscherei brachte mich in Kontakt mit Schauspielerinnen wie Julia Roberts, Penelope Cruz, Laura Morante, Heike Makatsch, Angela Molina, Christine Scott-Thomas und Hunderten weiteren, die ich fotografierte. Ausschliesslich weil mich ihre Gesichter emotional berührten und nicht etwa, weil sie berühmt waren. Dies wiederum führte mich zu Ausstellungen meiner Bilder unter anderem in Solothurn, Genf, Locarno, Berlin und im Portugal. Vielleicht entsteht daraus einmal ein Buch.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Als ich vor fünfzig Jahren anfing, simultan zu übersetzen, hätte ich nie gedacht, dass ich dies während eines halben Jahrhundert tun würde. Solange Alzheimer nicht zuschlägt und ich merke, dass ich immer noch gleich schnell schalte und die Worte finde und diese automatisch kommen, möchte ich noch gerne so weitermachen. Denn ich habe nach wie vor Riesenspass daran, mit diesem «Filmkuchen» – meiner «Grossfamilie» – zusammen zu sein und nach Solothurn zu pilgern. Im stets gleichen Hotelzimmer im «Astoria». Im Chuchilade bei der St.-Ursen-Kathedrale und früher bei Musik Hug und im CD-Laden an der Aare fühle ich mich so richtig zu Hause.