Konzertsaal Solothurn

Weltklasse-Pianist: «Ich verschmelze mit der Musik»

Pietro De Maria spielt am Sonntag im Konzertsaal Solothurn zu Ehren von Frag-Art-Gründer Franz Grimm. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Silvia Rietz
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Pietro De Maria, renommierter Klaviervirtuose und Chopin-Interpret, gastierte auf den Tag genau vor zehn Jahren erstmals in Solothurn – beim Konzert zum 60. Geburtstag von Franz Grimm. Weil Alexei Volodin das heutige Konzert absagte, bereichert er nun auch das 70. Wiegenfest des Frag-Art-Gründers. Pietro De Maria wird als Aristokrat des Klaviers verehrt und in Solothurn neben einigen Mazurkas von Chopin die «Wanderer-Fantasie» von Schubert und «Valses-Caprices» von Liszt spielen.

Bis vor wenigen Tagen ahnten Sie noch nicht, dass Sie heute in Solothurn auftreten werden. Sind Sie immer so spontan?

Pietro De Maria: Ich mag die Herausforderung, kurzfristig für einen Kollegen einzuspringen; innert wenigen Tagen oder Stunden ein Werk zu aktualisieren, welches ich länger nicht mehr gespielt habe. Ebenso, mit neuen Dirigenten und Orchestern zusammenzuarbeiten. Als Einspringer kam ich vor vier Wochen nach Antalya, spielte ein Klavierkonzert von Mendelssohn, welches ich ein Jahrzehnt nicht mehr gespielt habe. Was wäre das Leben ohne Herausforderungen. Selbstverständlich sage ich nicht generell so rasch zu. Würde mich jemand für übermorgen für das zweite Klavierkonzert von Rachmaninow fragen, müsste ich verneinen. Ein verantwortungsvoller Künstler wägt das Risiko ab.

Erster Preis mit 13 Jahren

Pietro De Maria wurde 1967 in Venedig geboren. Bereits mit dreizehn Jahren gewann er den 1. Preis am internationalen Klavierwettbewerb «Alfred Cortot» in Mailand. Später setzte er seine Studien bei Maria Tipo am Genfer Konservatorium fort, wo er 1988 mit einem «Premier Prix de Virtuosité» abschloss.

Den Durchbruch schaffte er mit dem 1. Preis beim Concours Géza Anda 1994. Er arbeitet mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten zusammen. De Maria unterrichtet an der Musikakademie in Fiesole, der Musikhochschule in Pinerolo und im Schweizer Musikdorf Ernen. Zwischen 2007 und 2009 nahm er für Decca/Universal das gesamte Klavierwerk von Frédéric Chopin auf. (srb)

Erinnern Sie sich an den Auftritt bei Frag-Art vor zehn Jahren?

Als ich 2007 für das damalige Geburtstagskonzert von Franz Grimm in die Schweiz reiste, nahm ich meine älteste, damals siebenjährige Tochter mit. Wir übernachteten in der Villa der 2014 verstorbenen Hortense Anda-Bührle, die ich vom Concours Géza Anda her kannte. Als wir im Speisewagen von Zürich nach Solothurn fuhren, beeindruckte der SBB-Komfort meine Kleine ungemein. Am Konzert war sie es dann, die mir am Schluss Schokolade überreichen durfte.

Sie treten in grossen Musikzentren auf. Wie empfinden Sie es, in ländlichen Regionen wie Solothurn zu gastieren?

Der weltberühmte Sviatoslav Richter trat am Ende seines Lebens sehr viel in Kleinstädten auf, zumindest in Italien. Nicht alle Musikinteressierten können es sich leisten, nach Zürich oder Berlin zu pilgern. Darum ist es wichtig, auch diesen Menschen gute Konzerte mit tollen Musikern zu ermöglichen. Ich selbst spiele sehr gerne auf dem Land. Zentral jedoch ist das Niveau des Auftritts, des Saales und des Instrumentes.

Existieren beim Publikum in Rom, London oder Solothurn Unterschiede?

(Lachend) Bei meinem letzten Konzert in Miami tobte das Publikum, schrie, trampelte und formierte sich zu einer Standing Ovation. Das ist einerseits ein grosses Kompliment. Aber die Amerikaner sind durchweg sehr laut – und dies nicht nur nach dem Konzert, sondern auch während der Aufführungen. In der Schweiz hingegen kommen die Leute wegen der Musik, lauschen andächtig und konzentriert, lassen sich berühren. Sie sind an der Musik interessiert, nicht an den Promis. Dies schafft eine ganz eigene «Hörqualität». Dies spürt man auf dem Podium, diese Atmosphäre trägt uns.

Was bedeutet Ihnen das Unterrichten?

Das Leben ist für Künstler schwieriger geworden. Obschon mehr Konkurrenz herrscht, gibt es für leidenschaftliche Nachwuchstalente immer einen Platz. Die Studenten müssen ihren Weg finden, und ich darf ihnen dabei eine Stütze sein, sie beraten und fördern. Als Lehrer lerne ich ebenso von meinen Schülern wie sie von mir. Der Kontakt mit der Jugend, das stete Auseinandersetzen mit Technik und Interpretation, hält mich jung und geistig fit.

Wie gut kennen Sie die Schweiz, wo haben Sie Deutsch gelernt?

Das familiäre Umfeld und die Freundschaft zu Ruth Bossart vom Concours Géza Anda, wie auch zu Franceso Walter aus Ernen, haben mich zum Sprachstudium motiviert. Ich veranstalte Meisterkurse, gebe Konzerte und nehme jeweils die ganze Familie mit. Meine Frau und meine Kinder fühlen sich in den Walliser Bergen mittlerweile daheim. Bevor ich den Concours Géza Anda gewann, studierte ich drei Jahre in Genf. Dort habe ich Französisch gelernt, was für einen Italiener wesentlich einfacher ist, als Deutsch zu lernen. Die Herzensverbindung zu Genf ist geblieben.

Nach welchen Kriterien haben Sie das heutige Konzertprogramm gestaltet?

Ich wusste sofort, dass der erste Konzertteil Chopin gewidmet wird. Danach wollte ich Liszt und eigentlich noch Mendelssohn spielen. Doch Ruth Bossart wies mich darauf hin, dass Schuberts «Wanderer-Fantasie» zu den Lieblingsstücken von Franz Grimm zählt. Ich erinnere mich, dieses bereits letztes Mal zu seinen Ehren gespielt zu haben.

Was sind für Sie Sternstunden?

Natürlich sind tolle Konzerte mit stehenden Ovationen berauschende Augenblicke. Aber als «Sternstunde» empfinde ich die Momente, wenn ich zu Hause aufwache, mich ans Klavier setze und anfange zu spielen. Plötzlich geschieht eine Art Transzendenz. Ich verschmelze mit der Musik, befinde mich auf einem anderen «Stern».

Heute, 17 Uhr, Klavierrezital mit Pietro De Maria im Konzertsaal Solothurn, www.fragart.ch