Aus Gäuer Sicht
Töten als Spiel

Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
Beat Nützi, ehemaliger Chefredaktor Oltner Tagblatt
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Jonas Walzberg / dpa

Der Ukraine-Krieg und seine Folgen sind allgegenwärtig, auch in unserer Region. «Putin töten!» – so lautet ein Spiel, das derzeit bei Kindern in ist, wie mir eine besorgte Grossmutter erklärte. Es könne und dürfe doch nicht sein, dass das schreckliche Kriegsgeschehen in der Ukraine die Kinder gedanklich auch schon zum Töten anstifte.

Ablauf des Spiels: Wer die ungemütliche Rolle von Putin übernehmen muss, wird durch ein Zählspiel ermittelt. «Putin» erhält danach Gelegenheit, sich davonzumachen und zu verstecken – bis er von den mitspielenden Kindern aufgespürt, festgenommen und «getötet» wird. Eine Chance zum Freiklatschen, wie es in einem normalen Versteckspiel gang und gäbe ist, gibt es nicht. Töten als Spiel – bedenklich! Da bin ich mit der besorgten Grossmutter einig.

So absurd dieses Spiel ist, so sehr widerspiegelt sich darin die grosse Betroffenheit und Anteilnahme der Bevölkerung am Krieg in der Ukraine, für den eine Person verantwortlich gemacht wird: Putin. Nicht von ungefähr ist die Rede von Putins Krieg. Das Entsetzen über die abscheulichen Gräueltaten ist gross, bei Erwachsenen ebenso wie bei Jugendlichen und Kindern, die obendrein in Kindergärten und Schulen durch Kontakt mit Flüchtlingskindern direkt mit dem Krieg und seinen Folgen konfrontiert werden.

Apropos Schulen: Sie engagieren sich in grossem Stil, um für die Aufnahme kriegsgeschädigter, traumatisierter Kinder und Jugendlicher gute Voraussetzungen zu schaffen. Beispiel: An der Kreisschule Gäu in Neuendorf räumten die Lehrkräfte sogar ihr Lehrerzimmer, um für Flüchtlingskinder Platz zu schaffen. Chapeau!

Zurück zum Krieg in der Ukraine. Kein Tag vergeht ohne Schreckensmeldungen über fürchterliche Gräueltaten. Für das grosse Leid stehen viele Orts- und Provinznamen, zum Beispiel: Butscha, Charkiw, Donezk, Luhansk und Mariupol. Bei den besorgniserregenden Vorgängen rund um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde auch Slavutytsch belagert.

Diese Kleinstadt hat eine besondere Geschichte: Sie wurde nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 als Ersatz für die verstrahlte Stadt Prypjat in zwei Jahren aus dem Boden gestampft. Bei meinen Einsätzen 1990 und 1995 als Journalist im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl sowie in der verseuchten Sperrzone und bei betroffenen Menschen und Institutionen rund herum besuchte ich unter anderem auch die menschenleere Geisterstadt Prypjat und die damals neu erbaute Stadt Slavutytsch, wo ich bei umgesiedelten Menschen zu Gast sein und nächtigen durfte.

Die Vorstellung, dass diese Menschen, die vor 36 Jahren wegen der Reaktorkatastrophe innert zweier Stunden ihr Daheim in Prypjat für immer verlassen mussten und zwei Jahre später nach Slavutytsch umgesiedelt wurden, jetzt durch eine Belagerung erneut Leid erfahren haben, macht betroffen und weckt auch bei mir gewisse Hassgefühle gegenüber den Kriegstreibern.

Ich erinnere mich auch an meine damaligen Gespräche mit Armeeangehörigen und Feuerwehrleuten, die heldenhaft zur Eindämmung der Reaktorkatastrophe beigetragen haben. Sei es durch Schutzarbeiten unter dem Reaktor oder bei der Bekämpfung des Reaktorbrandes aus der Luft.

Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Helikopter-Pilot im Zentrum für radiologische Medizin in Kiew. Nach seinen Einsätzen über dem Unglücksreaktor, bei denen er schwer verstrahlt wurde, spuckte er ständig Blut. Er hat wie viele andere Helfer ebenfalls seine Gesundheit und sein Leben geopfert für den Kampf gegen eine schlimme Katastrophe. Heute sterben in der Ukraine Menschen für einen sinnlosen Krieg.

Zurück zum Spielen: Dieser Tage spielten wir wieder einmal Schiffe versenken. Erstmals freute ich mich über eine Niederlage. Denn meine Flotte stand unter russischer Flagge, jene meines Gegenübers unter ukrainischer. Möge dieser Spielausgang ein gutes Omen für die Zukunft der kriegsgeschändeten Ukraine sein.