Niederbuchsiten
Handwerkliche Arbeit als Therapie – ganzes Haus wurde saniert

Bewohner des Therapiezentrums Casa Fidelio haben während fünf Jahren ein altes Haus in Oberbuchsiten saniert. Im Therapiezentrum wohnen Männer mit einer Sucherkrankung.

Sarah Kunz
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Fabian Müller, Leiter des Therapiezentrums Casa Fidelio, vor dem von Bewohnern sanierten Haus in Oberbuchsiten.

Fabian Müller, Leiter des Therapiezentrums Casa Fidelio, vor dem von Bewohnern sanierten Haus in Oberbuchsiten.

Bruno Kissling

Noch ist der Aussenbereich nicht fertiggestellt, aber schon bald wird grüner Rasen das bunte Bild des neu sanierten Hauses in Oberbuchsiten mit den gelben Wänden und roten Jalousien vervollständigen. Vor fünf Jahren war dieses in einem schlechten Zustand. Jetzt ist es dank der Arbeit der Bewohner des Therapiezentrums Casa Fidelio in Niederbuchsiten wieder auf dem neusten Stand. «Wir konnten das Haus im Februar verkaufen», erzählt Leiter Fabian Müller erfreut. Der Profit aus dem Kauf steht für das Casa Fidelio jedoch nicht im Vordergrund. Denn die handwerkliche Arbeit gehört zum Behandlungsangebot.

Ein Leben frei von Sucht

Das Casa Fidelio ist eine therapeutische Wohn- und Arbeitsgemeinschaft für erwachsene Männer mit Suchterkrankungen. Meist erfolgt ein Eintritt aus dem Massnahmevollzug oder mit einer zivilrechtlichen Massnahme. Jedoch gibt es auch Männer, die sich freiwillig melden. Der Aufenthalt im Casa Fidelio dauert in der Regel etwa ein Jahr. Ziel der Behandlung ist, dass die Bewohner die Fähigkeit erwerben, ihr Leben frei von Sucht zu gestalten. Die Männer wohnen in Einfamilienhäusern mit 17 Einzel- und 4 Doppelzimmern, welche die Bewohner in den letzten 25 Jahren selbst gebaut haben.

Therapiezentrum Casa Fidelio

Im Casa Fidelio haben nur Männer Platz. Dieses Konzept bringt zwar hauptsächlich Vorteile, stellt das Team um Zentrumsleiter Fabian Müller aber auch vor Herausforderungen. «Bei uns definiert sich der Mann nicht durch die Frau», erzählt Müller. «Er kann sich auf sich selbst und seine Therapie konzentrieren, ohne vom weiblichen Geschlecht abgelenkt zu werden.» Die traditionelle Rolle, die der Mann in der Gesellschaft habe, falle durch die Abwesenheit von Frauen weg. «Der Mann muss sich nicht aufplustern oder den Beschützer spielen», erklärt Müller weiter. Deshalb falle es den Bewohnern leichter, sich zu öffnen und Gefühle zuzulassen.

Weil das Casa Fidelio aber keine geschlossene Anstalt ist, können die Männer nach einer bestimmten Zeit über das Wochenende nach Hause oder zu ihrer Partnerin fahren. «Die Beziehungen der Klienten dürfen nicht zu kurz kommen», so Müller. «Wir müssen darauf achten, diese stets zu pflegen.» Aber auch wenn ihre Beziehungen einen grossen Stellenwert haben, seien die Männer froh darüber, für eine absehbare Zeit Abstand zu Frauen und den damit verbundenen Abhängigkeiten zu haben.
Im Schnitt sind die Männer 34 Jahre alt und haben unter anderem mit Drogen- oder Spielsucht zu kämpfen. Ein Tag im Casa Fidelio kostet 350 Franken. (SKU)

«Wenn die Männer zu uns kommen, haben sie bereits einen Entzug hinter sich», erzählt Müller. «Dann gilt es, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern und ihre Selbstständigkeit zurückzuerwerben.» In den ersten paar Monaten erfolge deshalb die Kennenlernphase, wo zusammen mit dem Bewohner erste Ziele formuliert werden. Ab drei Monaten übernehmen die Klienten gewisse Aufgaben in verschiedenen Arbeitsbereichen wie beispielsweise im Haushalt oder auf der Baustelle. Ausserdem finden Gespräche zwischen Bewohner und Sozialpädagogen statt, die den Umgang mit der Sucht oder die Freizeitgestaltung nach dem Aufenthalt thematisieren. «Ab neun Monaten ist die Behandlung eher aussenorientiert», so Müller weiter. «Die zukünftige Wohnsituation wird besprochen und die Männer machen externe Praktika.» Nach dem Austritt bietet das Casa Fidelio begleitende Betreuung. «Etwa die Hälfte zieht es wirklich durch», sagt der Zentrumsleiter. «Diese haben eine Erfolgsquote von rund 80 Prozent.» Nach dem Austritt sollen sich die Bewohner eine realitätsnahe Selbsteinschätzung angeeignet haben.

Fortschritte sind sichtbar

Zu der Behandlung gehört auch das handwerkliche Arbeiten, wie eben beispielsweise am kürzlich verkauften Haus. Schritt für Schritt wurde dieses während der letzten fünf Jahre saniert. «Das handwerkliche Arbeiten ist für die Männer sehr wichtig», erklärt Müller. «Die Fortschritte ihres eigenen Schaffens sind für sie sichtbar.» Die Bewohner lernen, nach Anleitung zu arbeiten und sich mit den eigenen Fähigkeiten in ein Team einzufügen.
In den nächsten paar Wochen wird noch der Aussenbereich des Hauses in Oberbuchsiten festiggestellt. Dann erfolgt das nächste Projekt: «Wir schauen uns bereits nach einem neuen Haus um», verrät Müller. «Das eilt aber nicht.» Vorerst will das Casa Fidelio intern sanieren.