Balsthal

Präsidentin gibt Zepter ab: «Betriebe zu behalten und Neue zu akquirieren ist Knochenarbeit»

Christine Haenggi war bereits zu den Anfängen des Berufslernverbundes Thal-Mittelland mit dabei. Nach fast 20 Jahren gibt sie nun ihr Amt zufrieden und mit Freude ab.

Fränzi Zwahlen-Saner
Drucken
Teilen
Christine Haenggi, Präsidentin des Vereins Berufslernverbund Thal-Mittelland, in ihrer Heimat Balsthal.

Christine Haenggi, Präsidentin des Vereins Berufslernverbund Thal-Mittelland, in ihrer Heimat Balsthal.

Fränzi Zwahlen-Saner

«Ich kam ganz zufällig dazu», erzählt Christine Haenggi von ihrem Mandat, Präsidentin des Vereins Berufslernverbund Thal-Mittelland zu sein. Ursprünglich hiess der Verein noch Berufslernverbund Thal-Gäu-Bipperamt, denn er wurde in Balsthal aus der Taufe gehoben.

1997 nahm Max Bobst, der damalige Geschäftsführer des ersten kantonalen Gründerzentrums, die Idee auf, verschiedene Betriebe gemeinsam für bestimmte Berufslehren zu verpflichten. «Es gab nämlich damals viel zu wenige Lehrstellen für die geburtenstarken Jahrgänge der Schulabgänger. Also auch KMU’s im Thal-Gäu, die keine Lehrstellen mehr anboten», erzählt die Balsthalerin.

Entweder scheuten diese den administrativen Aufwand oder hatten schlicht zu wenig ausgebildetes Personal. Gleichzeitig sprach der Bund in dieser Zeit Gelder aus dem Lehrstellenbeschluss für Lehrstellenmarketing-Ideen. «Auf diese Weise konnten wir im Thal daran partizipieren.»

In guter Zusammenarbeit

Der Verein Berufslernverbund Thal-Gäu-Bipperamt wurde 1998 gegründet, mit dem Zweck technische, gewerbliche und kaufmännische Berufe in einem Ausbildungsverbund zu ermöglichen. «Ich war damals Gemeindevizepräsidentin von Balsthal; man suchte noch einen Gemeindevertreter in der Projektgruppe und so kam ich zu diesem Amt», erinnert sich Haenggi.

1999 wurde der Verbund vom Regierungsrat des Kantons Solothurn per Regierungsratsbeschluss unterstützt. «Uns wurde per RRB eine Ausnahmebewilligung erteilt, in unserem Verbund acht Lernende ausbilden zu können, vier kaufmännisch Lernende und vier Mechapraktiker (heute Produktionsmechaniker).» Es galt, die Gunst der Stunde zu nutzen. «Wir konnten damals in unserer Region auf ein gutes Netzwerk mit Personen zählen, die unserer Idee positiv gegenüberstanden oder gar mitarbeiteten», erzählt Haenggi. Doch einfach sei die erste Zeit nicht gewesen.

Der Verbund sei damals für alles verantwortlich gewesen, was einen Ausbildungsbetrieb belastet, wie Administration, schulische Fragen, Elterngespräche, Aufgabenhilfe. «Glücklicherweise fanden wir sehr motivierte Ausbildungsbetriebe, was den Start einfacher machte, denn die Skepsis von Seiten der Betriebe war zunächst noch gross.»

Neue Berufe und Mehraufwand

So etablierte sich der Berufslernverband allmählich bei den KMU’s der Region bis im Jahr 2006 ein grosser wirtschaftlicher Paukenschlag die Region erschütterte. «2006 wurde die Tela verkauft und wir übernahmen auf einen Schlag 15 zusätzliche Lernende. Mit den damals 25, die vom Verbund angestellt waren, hatten wir plötzlich 40 Lernende zu betreuen.»

Auch kamen neue Berufe hinzu: zum Beispiel Logistiker, Automatiker, Polymechaniker, Papiertechnologen. Trotz der Mehrarbeit habe aber diese Übernahme den Berufslernverbund in der Wahrnehmung nach Aussen gestärkt. Doch die wirtschaftliche Situation wurde für den Kanton in jenen Jahren nicht einfacher, denn 2008 schloss die Borregaard. «Per 1. April 2009 waren insgesamt 45 Lernende von dieser Schliessung betroffen, die alle einen neuen Ausbildungsplatz suchen mussten und auch gefunden haben. Davon haben wir drei Lernende in unseren Verbundbetrieben platzieren können», erinnert sich Haenggi.

Ausbildungen gezielt fördern

«Wichtig war, dass wir für unsere Verbundbetriebe die Lehrwerkstatt erhalten und für die technische Ausbildung das Modell «Basisjahr» weiter anbieten konnten», erzählt Haenggi. Der Kanton hat die Zusage erteilt und unterstützt. Die geeigneten Räumlichkeiten fand man 2011 im Riverside Businesspark in Zuchwil.

2013 schloss auch die Scintilla ihre Lehrwerkstatt mit dem angeschlossenen ÜK Zentrum für Anlagenführer, die wiederum mit der Unterstützung des Kantons in das Bildungszentrum BLV integriert werden konnten. Im «Basisjahr» im Riverside Businesspark besuchen nun die Automatiker und Polymechaniker acht Monate en bloc und die Produktionsmechaniker fünf Monate das Bildungszentrum BLV. «Da können sie die praktischen und theoretischen Grundkenntnisse erwerben, weil diese zum Teil nicht in unseren Verbundbetrieben vermittelt werden können», erklärt Haenggi.

In der weiteren Entwicklung haben sich im Juni 2013 der Berufslernverbund Thal-Gäu-Bipperamt und der seit 2008 tätige Berufslernverbund Mittelland zusammengeschlossen. «Ab sofort hiess er Berufslernverbund Thal-Mittelland. Der Zusammenschluss der beiden Berufslernverbünde sei aus demografischen Gründen nötig geworden, denn inzwischen hatte sich die Situation auf dem Lehrstellenmarkt völlig verändert.

Veränderungen bis heute

Heutzutage gibt es zu wenig Schulabgänger für das bestehende Lehrstellenangebot. Somit hat sich die Arbeit im Berufslernverbund geändert. «Heute gehört es zu unseren Hauptaufgaben für die richtigen Lernenden die passenden Lehrstellen zu finden und die Lehrmodule zu koordinieren.» 63 Lernende machen derzeit beim Berufslernverbund ihre Ausbildung ̧ wo insgesamt 13 Berufe erlernt werden können.

Rückblickend sagt Christine Haenggi: «Es wird stets die Herausforderung des Berufslernverbundes bleiben, sich den ändernden Bedürfnissen aus der Wirtschaft anzupassen. Betriebe zu behalten und Neue zu akquirieren ist Knochenarbeit.» Wichtig sei es immer gewesen, die CEOs der Betriebe vom Ausbildungsverbund zu überzeugen. «Doch auch das Personal musste mitmachen, sonst wird es schwierig», spricht sie aus Erfahrung.

Zudem seien die Lernenden heute anspruchsvoller: «Sie erwarten schnell einen Entscheid, ob sie angestellt werden oder nicht, denn sie sind in einer komfortableren Situation als vor 20 Jahren und können aus verschiedenen Stellenangeboten auswählen», erklärt die abtretende Präsidentin.

Sie gibt ihr Amt nach fast 20 Jahren zufrieden und mit Freude ab. «Der Verein kann heute auf ein gutes Eigenkapital zurückgreifen, das war nicht immer so», meint sie. Es habe schon auch die eine oder andere schlaflose Nacht wegen eines Problems gegeben. «Ich bin froh, diese Verantwortung nun weitergeben zu können», sagt sie und verrät, im Matzendörfer Stefan Winistörfer ihren Nachfolger gefunden zu haben, sofern die Generalversammlung heute Abend ihn auch bestimmt.