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Der Tunnel der Meilensteine

Wieder einmal macht er von sich reden – der Gotthard. Durch ihn hindurch führt mit 57 Kilometern der längste Eisenbahntunnel der Welt. Er wird die Verkehrsströme durch die Alpen umkrempeln und beschleunigen.
Ein grosser Moment: der Hauptdurchschlag der Gotthardröhre bei Sedrun am 15. Oktober 2010. Der nächste Meilenstein wird mit der Eröffnung des Tunnels am 1. Juni gesetzt.

Ein grosser Moment: der Hauptdurchschlag der Gotthardröhre bei Sedrun am 15. Oktober 2010. Der nächste Meilenstein wird mit der Eröffnung des Tunnels am 1. Juni gesetzt.

Einmal mehr ist das Gotthardmassiv bezwungen. Und wieder ist es eine epochale Leistung, die den ­Mythos Gotthard weiter festigt. Der Gotthard war jahrhundertelang ein sperriger Riegel – wegen der Schöllenen, die bis ins Mittelalter hinein praktisch unpassierbar war – auch mit Teufels Hilfe nicht. Ein Brückenschlag in dieser Schlucht gelang erst in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mit einem Steg aus Holzbalken, gesichert mit Ketten und Ringen, der um den Chilchbergfelsen am oberen Ende der Schöllenen führte – und mit der ersten Teufelsbrücke, die auch mehr Steg als Brücke war. Dieser Saumpfad über den Gotthard wurde attraktiv. Und die Urner wurden ­Säumer.

Gotthard wird Lebensader

1707 entstand der erste Tunnel am Gotthard, 65 Meter lang und gerade so gross, dass ein beladenes Saumpferd durchkam – es war das Urnerloch kurz vor Andermatt. Der Gotthard entwickelte sich zur wichtigsten Einnahmequelle der Urner, die sich in Säumergenossenschaften organisierten. Als im 16. Jahrhundert erstmals auswärtige Säumer Waren über den Berg schleppen durften, hatten diese Gebühren zu entrichten – die Schwerverkehrsabgabe von damals.

Im 18. Jahrhundert wurden rund 4000 Tonnen über den Gotthard getragen, also gesäumt. Bis zu 200 Kilo trug ein Maultier. Dabei waren täglich bis tausend Saumtiere im Einsatz. Doch das genügte immer weniger. Gefragt war jetzt eine fahrbare Strasse über den Gotthard, nachdem ähnliche Projekte am San Bernardino und am Splügen Konkurrenzängste heraufbeschworen.

Uri handelte. Ab 1820 wurde gebaut. 1825 bis 1830 entstand die Strasse durch die Schöllenen. Zur Finanzierung bewilligte die Tagsatzung den Kantonen Uri und Tessin das Erheben höherer Weggebühren – wieder eine Schwerverkehrsabgabe ... Und die Säumer wurden Kutscher. Für die schnelle fünfspännige Gotthardpost von Flüelen nach Como wurden 65 Pferde eingesetzt, die an zwölf Pferdewechselstationen einsatzbereit zu halten waren.

Wieder siegt der Gotthard

Dann kam das Eisenbahnzeitalter – und mit ihm diverse Alpen-Bahnprojekte. Und wieder ist der Gotthard Gewinner. 1882 wird die Bahn durch den Gotthard­tunnel eröffnet – und als technisches Wunderwerk gefeiert. Die neue Bahn hat Auswirkungen. Sie beschleunigt und verbilligt den Transport, vereinfacht den Warenaustausch und lässt Wirtschaftsräume zusammenwachsen. Dafür wurden Kutscher arbeitslos und Herbergen überflüssig. Im 20. Jahrhundert sorgten Touristen, die mit dem Auto unterwegs waren, für eine neue Belebung im Reusstal und in der Leventina – bis 1980 die durchgehende Autobahn eröffnet wurde.

Der neueste Paukenschlag

Am kommenden 1. Juni wird der 57 km lange Gotthard-Basistunnel mit einem grossen Paukenschlag und vielen Gästen aus ganz Europa eröffnet. Bald danach werden die ersten kommerziellen Güterzüge durch den Tunnel rollen. Der Personenverkehr startet offiziell erst mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember dieses Jahres. Doch schon ab August können Bahnfans und andere interessierte Besucher den neuen Tunnel entdecken und erleben.


Das aktuelle Konzept sieht vor, dass ab 11. Dezember täglich bis zu 260 Güterzüge und 65 Personenzüge durch den Tunnel rollen – oder rasen. Denn die Güterzüge sollen bis 160 km/h schnell sein, die Personenzüge, unter anderem die neuen 29 Giruno-Triebzüge von Stadler-Rail, die ab 2019 in Betrieb kommen, bis 200 km/h. Um täglich 325 Züge effizient durch das lange Loch zu schleusen, soll jedem schnellen Personenzug eine Gruppe von bis 750 Meter langen Güterzügen folgen, und in der Nacht rollen die Güterzüge quasi nonstop.

Wie viel Effizienz die neue Flachbahn bringt, illustriert die Steigerung der Anhängelasten bei den Güterzügen: Bisher brauchte es für bis 1400 Tonnen schwere Züge eine vier- und eine zweiachsige Lokomotive (im Jargon Re 10/10 genannt), ab 1400 Tonnen eine dritte Maschine als Schiebelok. Künftig genügt auf der Achse Rotkreuz–Bellinzona–Luino eine einzige vierachsige Lok. Das wird ab 2020 nach Eröffnung des Ceneri-Basistunnels auch auf der Achse Bellinzona–Chiasso möglich sein.

In Etappen schneller

Ab Basel, Luzern und Zürich ist man ab Ende Dezember 2016 bis zu 40 Minuten schneller im Tessin und in Milano. Mit der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels Ende 2020 verkürzt sich die Fahrzeit von der Deutschschweiz ins südliche Tessin und nach Mailand gegenüber heute bis zu einer vollen Stunde – umgekehrt natürlich auch.

Neben der neuen Strecke durch den Gotthard-Basistunnel wird die SBB auch künftig die bisherige Bergstrecke betreiben. Geplant ist ein stündliches Angebot mit Anschlüssen an den Fernverkehr in Erstfeld, Bellinzona und Lugano.

Walter Schnieper

Infos

Gotthard-Eröffnung

Alles über den Gotthard-Basistunnel und die Eröffnungsfeierlichkeiten gibt es unter
sbb.ch/gotthard

Gottardo-App

Mit der «Gottardo 2016»-App können Interessierte den Gotthard-Basistunnel spielerisch erkunden. Die neue App steht ab sofort für iPhone und Android-Smartphones in den App Stores kostenlos zum Download bereit.
gottardo2016.ch/app

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