«Klub der jungen Dichter»: Real

Aron Huber erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie eine literarische Figur brisante moralische Fragen stellt.

Aron Huber, Wylen, 1. Kanti
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Aron Huber, 1. Kanti.

Aron Huber, 1. Kanti.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht. Auf meinem Schreibtisch lag ein Buch. Mein Vater schenkte mir dieses Buch auf meinen neunten Geburtstag und sagte mir, dass ich die Welt auf eine andere Art und Weise betrachten würde, nach dem Lesen des Buches. Damals als Kind verstand ich nicht so recht, was er damit meinte. Das Buch ordnete ich bei meiner kleinen Bibliothek ein, ohne je eine Seite davon gelesen zu haben. Was machte dieses Buch jetzt auf meinem Schreibtisch. Weil es schon spät war, legte ich mich auf mein Bett, um dann morgen nach der Antwort zu suchen.

Ich habe an die Decke meines Zimmers gestarrt, deren Anblick mich entspannte und wie ein Spiegel meine Gedanken widerspiegelte. Ich dachte immer noch darüber nach, wer dieses Buch auf meinen Schreibtisch gelegt haben könnte, und fand keine Antwort. In diesem Moment hörte ich ein Rascheln hinter meinem Schreibtisch. Ich dachte, dass es meine Katze wäre. Ich stand von meinem Bett auf, um zu sehen, ob meine Katze nach draussen möchte. Da hörte ich das Geräusch wieder und jemand fing an zu flüstern. Es war eine männliche Stimme, die sagte: «Oh, aus.» Entweder bildete ich mir das ein, oder ich hatte wirklich jemand in meinem Zimmer.

Als ich die Umrisse eines Mannes vor mir stehen sah. «Wer bist du?», fragte ich ihn. Seine Antwort verpasste mir einen weiteren Schock «Ich bin Raskolnikov. Ich bin der Held des Buches, das du nie gelesen hast.»

«Hey, was machst du in meinem Zimmer, Raskolnikov?», fragte ich ihn. Er sagte: «Ich werde dir etwas zeigen.» Ich konnte immer noch nicht glauben, dass dieser Moment real war. «Wie kannst du real sein? Es ist unmöglich!» Raskolnikov stellte Fragen zu meinen Fragen, anstatt sie zu beantworten, und erhöhte meine Angst. «Was, denkst du, ist real? Kannst du das mit deinen Augen sehen, mit deinen Ohren hören. Lass uns das klarstellen. Ich bin nicht in dein Zimmer gekommen. Ich bin seit vier Jahren hier in deiner Bibliothek, aber du hast keinen Gedanken an mich verloren, weil du nicht einmal auf das Regal geschaut hast, auf welchem ich stand. Ich bin gerade aufgetaucht, weil ich möchte, dass du mich kennenlernst.» Nach diesem kurzen Gespräch wurde mir klar, dass die heutige Nacht zu lang für mich werden würde.

Als ich ihn fragte, was er will, gab mir Raskolnikov das Buch. «Du kannst es nicht wissen, ohne es zu lesen.» Ich griff nach dem Buch und begann es zu lesen. Ich war etwas überrascht, dass dieses Buch, welches seit vielen Jahren in der Bibliothek meines Schreibtisches stand und trotzdem nie meine Beachtung bekam. Ich begann jede Seite des Buches zu lesen. Das, was mich am meisten störte, war der Mord. Er selbst war wütend, konnte sich aber nicht entscheiden, ob er es bereuen sollte.

Als das erste Sonnenlicht auf das Fenster in meinem Zimmer fiel, war die letzte Seite des Buches fertig. Ich war sauer auf ihn, weil er in dieser Geschichte jemanden getötet hatte, obwohl ich an seiner Stelle gleich gehandelt hätte. Als ich mich umdrehte, um ihn zu fragen, ob er es bereue, den Mann getötet zu haben, verliess er wortlos mein Zimmer.

Genau wie mein Vater damals kann ich das Leben jetzt aus mehreren Perspektiven betrachten. Eines habe ich gelernt, es genügt nicht nur zu wissen, zu sehen und auch zu hören, sondern man muss es auch erleben. Vielleicht ist es dann auch möglich, einen Bruchteil der Wahrheit zu erkennen.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.