Klub der jungen Dichter

Auf dem Polizeirevier

Juliana Figueiredo, Menznau, schildert im «Klub der jungen Dichter» wie ein Betrunkener behauptet einen Einbrecher erschossen zu haben. Dabei verhält sich alles ganz anders.

Juliana Figueiredo
Drucken
Teilen
Juliana Figueiredo, Menznau, 3. Sek

Juliana Figueiredo, Menznau, 3. Sek

Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Beim Aufschliessen hörte ich ein Geräusch, das von drinnen kam.

Später ging ich zum Polizeirevier. «Ich muss den Kommissar sprechen», sagte ich zum diensthabenden Beamten. Er blickte mich nicht gerade freundlich an. «Sie sind betrunken. Und wissen Sie, wie spät es ist? «Jawohl», sagte ich. «Es ist wichtig. Also hören Sie, Herr Polizei…» Dieser seufzte und versuchte es auf die freundliche Art. «Ich bin Hauptwachtmeister Winter. Gehen Sie nach Hause, legen Sie sich schlafen. Und kommen Sie morgen wieder. Dann wird der Kommissar Zeit für Sie haben. Abgemacht?»

«Sie verstehen rein gar nichts», sagte ich. Ich komme gerade von zu Hause. Darum muss ich mit dem Herrn Kommissar sprechen.» Oberwachtmeister Winter hatte Mühe, Ruhe zu bewahren. «Also, gehen Sie jetzt und machen Sie kein Theater! Das Polizeirevier ist kein Nachtasyl für Betrunkene!» – «In meiner Wohnung liegt eine Leiche. Und ich habe sie erschossen.» Winter schien die Geduld zu verlieren. «Jetzt ist aber Schluss. Ich bestelle Ihnen ein Taxi. Was glauben Sie, was Betrunkene wie Sie hier alles erzählen? Ich schüttelte den Kopf und lachte. «Das darf doch nicht wahr sein! Ich präsentiere diesem langweiligen Polizeirevier einen Täter, nämlich mich, und der Herr Polizist will mich nach Hause schicken. Das ist doch drehbuchreif!»

Ich kramte umständlich in meiner Tasche und hatte plötzlich eine Pistole in meiner Hand, die ich auf den Polizisten richtete. «Sehen Sie, Herr Polizist.» Hauptwachtmeister Winter fuhr erschrocken zurück und stand einen Augenblick starr. «Geben Sie mir sofort die Waffe! Machen Sie keine Dummheiten! Ist sie geladen?» Ich reichte ihm die Pistole. «Natürlich ist sie geladen. Kann ich jetzt den Herrn Kommissar sprechen?» Hauptwachtmeister Winter hob den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer.

Es dauerte eine Weile, bis sich jemand meldete. «Entschuldigen Sie, Herr Kommissar, dass ich noch so spät anrufe. Hier auf dem Revier behauptet jemand, einen Menschen erschossen zu haben, in seiner Wohnung. Ja, die Waffe ist hier. Eine Pistole. Doch der Mann ist betrunken, ziemlich stark. Die Adresse? Nein noch nicht. Einen Streifenwagen schick ich sofort hin. Natürlich auch einen Krankenwagen.» Der Polizist wandte sich an mich. «Wie heissen Sie? Und Ihre Adresse?» Ich nickte anerkennend. «Na, endlich. Felix Sommer. Lindenstrasse vier.» Hauptwachtmeister Winter gab die Adresse durch. «Jawohl, Herr Kommissar. Wird gemacht.» Er legte den Hörer wieder auf und wandte sich an mich. «Der Kommissar wird bald hier sein. Ich werde jetzt ein Protokoll Ihrer Aussage machen.» «Ich rede nur mit dem Herrn Kommissar.» Mit dem Protokoll würde nichts werden. So sassen beide auf ihren Stühlen und warteten. Um drei Uhr erschien der Kommissar. Sein Gesicht war unausgeschlafen.

«Auf Sie habe ich gewartet.» Der Kommissar zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber. «Sie sind also Felix Sommer. Lindenstrasse vier. Eigenheim, nicht wahr?» Mein Gesicht strahlte. «Genau, Herr Kommissar. Und in der Diele, da liegt eine Leiche.» Der Kommissar hatte Mühe, seine Müdigkeit zu unterdrücken. «Nun erzählen Sie mal ihre Geschichte.» «Den Einbrecher habe ich erschossen. Mit dieser Waffe da.» Ich zeigte auf den Tisch. «Und wie hat sich alles abgespielt?», fragte der Kommissar.

«Also. Ich kam nach Hause und beim Aufschliessen hörte ich ein Geräusch, das von drinnen kam vom Flur. Mir entgeht nämlich nichts. Glauben Sie mir.» Der Kommissar nickte müde. «Ich hab sofort gewusst, da war was.» «Und dann?» «Ja, ich habe meine Pistole in die Hand genommen, hab dann die Türe geöffnet. Und was glauben Sie? Vor dem Spiegel, da sah ich ihn, den Einbrecher. Mit einer Pistole in der Hand. Mensch, ich sage Ihnen. Als er sie hob, hob ich meine auch. Und schoss. Dann bin ich sofort hierher zum Revier gerannt.

«Ich komme gerade aus Ihrer Wohnung», sagte der Kommissar. «Und? Stimmt doch alles?», rief ich. «Wie man’s nimmt. Die Tür stand offen. Doch eine Leiche mit einem Revolver in der Hand fanden wir nicht. Nur einen zerschossenen Spiegel.» Er erhob sich und wandte sich an Winter. «Bringen Sie ihn in eine Zelle, wo er seinen Rausch ausschlafen kann.»