«Klub der jungen Dichter»: Das invalide Fressmonster (Siegertext Oberstufe)

Aurora Bonamassa erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Haustiger ziemlich beunruhigende Beobachtungen macht.

Aurora Bonamassa, Steinhausen, 2. Sek
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Aurora Bonamassa.

Aurora Bonamassa.

Hallo zusammen, mein Name ist Simba und nein, ich bin nicht der König der Löwen, sondern eine freche kleine Hauskatze. Zusammen mit meinen drei zweibeinigen Freunden wohne ich in einer sehr entdeckungsreichen Wohnung.

Und es ist wirklich unfassbar, was die Menschen so alles treiben. Mein Frauchen zum Beispiel läuft oft eine gefühlte Stunde mit einem Ding am Ohr durchs Wohnzimmer und führt dabei auch noch Selbstgespräche. Bevor sie das aber macht, klingelt dieses komische Dingsda auch noch so ohrenbetäubend. Na, zum Glück bin ich nicht schreckhaft.

Allerdings gibt es da doch etwas in unserem Haushalt, das mein Herz jedes Mal zu Höchstleistungen zwingt. Nicht, dass ich etwa Angst hätte, keineswegs, aber ein ganz kleines bisschen Respekt bringe ich für dieses Objekt schon auf. Nun wollt ihr bestimmt wissen, um was es sich dabei handelt? Ich glaube, dass dieses «Etwas» ein genmanipulierter Dinosaurier ist. Dieses Tier hat ein dermassen ausgeprägtes Stimmorgan, dass es mir jedes Mal, wenn es aktiv ist, beinahe das Trommelfell platzen lässt. Dazu kommt, dass es kaum satt zu kriegen ist. Ich habe ja schon einiges zu Gesicht bekommen, aber ein anderer vergleichbarer Fresssack ist mir wirklich noch nicht begegnet.

Da kommt es also daher mit seinem überdimensionalen Rüssel und saugt sich krampfhaft am Teppich und Boden fest und vertilgt alles, was ihm gerade vor die Flinte gerät. Diese fast schon peinliche Aktion dies Tieres beschränkt sich aber nicht nur auf einen bestimmten Teil meiner Wohnung. Sogar in der Küche und im Badezimmer ist dieses fresslustige Monster nicht aufzuhalten. Also für mich wirkt das schon krankhaft.

Was mir aber auffällt, ist, dass sich dieses verfressene Ding nur auf dem Boden bewegen kann und niemals in die Höhe steigt. Deshalb tu ich dies, wenn es gerade mal wieder seinen Heisshunger stillt. Man weiss ja schliesslich nie, wozu ein solches Wesen in der Lage ist.

So sitze ich meistens auf meinem Kratzbaum und beobachte das bunte Treiben dieses Monsters aus der sogenannten Sympathiedistanz. Zu meinem Erstaunen ist dieses «Es» völlig unselbstständig, denn es muss von meinem Frauchen immer zugezogen werden. Wer weiss, vielleicht ist dieses Tier ja behindert und bewegt sich deshalb auf Rollen. Nun, blind ist es auf jeden Fall, aber aus Liebe zum Fressen, soweit ich das beurteilen kann. Manchmal übertreibt er es aber wirklich und scheint seine Grenzen überhaupt nicht zu kennen. In diesen Momenten tut mir dann mein Frauchen total leid, weil sie ihm dann den Magen auspumpen muss. Dieser arme Kerl scheint wirklich eine überaus schlechte Verdauung zu haben. Da sammelt er doch tatsächlich alle seine Fressalien in einem Papiersack, und dort bleiben sie, bis das Mass voll ist.

Darum beneide ich ihn aber keineswegs. Bei mir zum Beispiel klappt das mir der Verdauung wunderbar. Oftmals riecht es dann ein wenig streng, aber dafür muss man mir auch nicht den Bauch auswechseln. Da kann man wieder einmal sehen, wie unkompliziert ich bin. Aber eigentlich verwundert mich das mit seiner Darmträgheit nicht weiter, denn dieser Faulpelz treibt ja auch überhaupt keinen Sport. Um ihm die nötige Energie zum Fressen zu geben, muss man diesen Minimalisten doch tatsächlich an die Steckdose hängen. Bei mir funktioniert das zum Glück noch aus eigener Kraft. Im Übrigen glaube ich, dass er mehr Respekt vor mir hat als ich vor ihm. Wie ich darauf komme? Das ist ganz einfach zu erklären: Sobald er sich den Bauch vollgeschlagen hat, versteckt er sich wieder tagelang im Schrank. Dort würde er vermutlich auch verhungern, wenn mein Frauchen nicht immer wieder Mitleid mit ihm hätte und ihn zum Fressen ausführen würde. So ein blöder Staubsauger!

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.