«Klub der jungen Dichter»

Besuch aus der Zukunft

Noemi Gallati, Eich, erzählt im «Klub der jungen Dichter» eine spannende Geschichte um eine Doppelgängerin. Ist alles nur ein Traum?

Noemi Gallati, Eich, 6. Primar
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Die Nacht war kalt und stürmisch, als das Abenteuer begann. Ich und mein Hund Zecke sassen unter dem Tisch und warteten darauf, dass das Gewitter vorbeiging. Zecke jaulte und sprang unter dem Tisch hervor. «Zecke, komm zurück! Das Gewitter tut dir nichts!», rief ich ihm zu. Er schlich zurück unter den Tisch und ich deckte ihn zu. Da fiel mir ein, dass ich das Fenster im Wohnzimmer noch offen hatte. Ich wollte aufstehen, doch Zecke schnappte nach meiner Jeans und zog mich zurück. «Zecke, ich komm doch gleich wieder. Ich gehe nur rasch nach drüben und mache das Fenster zu.» Ich erstarrte, als ich plötzlich Schritte hörte, die aus dem Wohnzimmer kamen. Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Zecke fing an zu knurren. «Ssschh, Zecke, sei leise», flüsterte ich. Doch es war zu spät. Die Schritte kamen immer näher, bis sie schliesslich vor mir stehen blieben. Doch da war niemand.

War ich jetzt komplett verrückt, fragte ich mich, als wie aus dem Nichts ein Blitz durch das ganze Wohnzimmer schoss und vor mir stoppte. Es folgte ein lauter Knall und ich hörte eine Stimme: «Aaah, das war jetzt ziemlich ungemütlich! Warum muss am Freitag immer Lucyn an der Auswurfmaschine arbeiten?»

Nun sah ich auch jemanden, ein Mädchen. Es sah mir ziemlich ähnlich. Nein, es war haargenau mein Spiegelbild. Nun zweifelte ich wirklich an meinem Geisteszustand. Oder lag es daran, dass in der Uni bald die Abschlussprüfungen stattfanden und ich nächtelang lernen musste? «Oh, hallo», sagte mein Spiegelbild. «Und nein, du bist nicht verrückt. Ich bin deine Zukunft. Nenn mich Kiara», meinte meine Doppelgängerin und leerte den Inhalt ihrer Tasche auf dem Boden aus. «Kannst du meine Gedanken lesen?», fragte ich verwirrt. «Eigentlich ja, denn ich bin du, einfach aus der Zukunft», sagte Kiara und nahm fünf Kerzen aus dem Chaos am Boden. «Nun, ich erkläre dir einfach alles und du hörst zu.» Kiara zündete die Kerzen an, formte zwischen uns einen Kreis und legte neun Rosen dazu. «Ich komme aus der Zukunft und existiere nur in deiner Fantasie. Mit anderen Zukunft-Ichs lebe ich in einer Zwischenwelt, und einmal in eurem Leben besuchen wir euch. Danach wechseln wir unser Aussehen und besuchen andere Menschen. Jetzt bin ich hier, um dir drei Wünsche zu erfüllen. Also, was wünschst du dir?», fragte Kiara und legte noch drei Dominosteine in den Kreis.

«Ääähm, also, ich ...», begann ich, als Kiara mich unterbrach: «Du darfst nur das aussprechen, was du für den Rest deines Lebens auch wirklich haben willst.» – «Also ...», fing ich an. «Mach hin, wir haben nur wenig Zeit und wenn du einen Wunsch aussprichst, während ich am Verschwinden bin, geht das Gegenteil in Erfüllung», erklärte Kiara und tippte nervös auf ihre (oder war das meine?) Uhr. «Ich will meine wahre Liebe finden», beeilte ich mich. «Ok», meinte Kiara nüchtern. «Zweitens, dass ich meine Abschlussprüfungen bestehe», flüsterte ich etwas verschämt. «So, jetzt muss ich aber los. Die Kerzen und den Rest kannst du behalten», sagte Kiara, während sie sich schon aufrappelte. «Und, dass Zecke so lange lebt wie ich», rief ich noch, während Kiara immer durchsichtiger wurde.

Zwei Stunden später erwachte ich schweissnass in meinem Bett. Als mir die Begegnung mit Kiara wieder einfiel, sprang ich aus meinem Bett und rannte zu Zeckes Korb. Ich atmete auf, als ich sah, dass er selig schlief. Ich wollte schon wieder ins Bett schlüpfen, als ich mir überlegte, ob alles nicht doch nur ein Traum gewesen war.

Schnell rannte ich ins Wohnzimmer und setzte mich vor meine Schulsachen. Sicher ist sicher!