«Klub der jungen Dichter»: Vertraue deinem Herzen

Celine Grüter erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie sich eine traurige Kindheit zur eine magische Begegnung zum Guten wendet.

Celine Grüter, Sigigen, 2. Sek
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Celine Grüter.

Celine Grüter.

Ich öffnete meine Zimmertür und traute meinen Augen nicht. Alle meine Zeichnungen von Indianern sind einfach von der Wand gerissen. Ich stürzte zu meiner Kommode und öffnete die oberste Schublade. Darin waren mal eine Adlerfeder, ein türkises Amulett, das einst meiner Mutter gehörte und kleine lederne Schuhe, aber wo jetzt? Das kann doch nicht wahr sein, jetzt ist er zu weit gegangen!

Ich rannte die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Dort sass mein Vater Arm in Arm mit einer schlanken Blondine im roten Kleid auf dem Sofa und sah fern. Wenn ich ehrlich bin, sieht sie schlimmer aus als eine Barbie. «Was soll das?», schrie ich ihn an. «Warum zerstörst du alles, was mich an meine Mutter erinnert?», rief ich aufgebracht.

Mein Vater verzog jedoch keine Miene und griff in seine Brusttasche. Langsam zog er mehrere Geldscheine hervor und wedelte damit vor meiner Nase herum. «Hier, mach was draus, aber lass mich in Ruhe», brummte er und wandte sich wieder ab. «Ich will dein dreckiges Geld nicht», schluchzte ich und rannte tränenblind aus der Tür. Ziellos lief ich durch die Strassen, bis ich plötzlich von einem merkwürdigen Geräusch aus meinen Gedanken gerissen wurde. Ich blieb abrupt stehen, denn direkt vor mir stand ein zierliches, hellbraunes Pferd. Darauf sass ein von der Sonne braungebranntes Mädchen mit dunklen Locken, einem roten Rock und einer buntbestickten Bluse.

Eine Weile lang sah sie mich einfach nur mit ihren dunklen Augen an, die mit langen schwarzen Wimpern umrahmt waren. In ihrem Blick lagen Ruhe und Wärme. Sie streckte mir ihre Hand entgegen. Zögerlich griff ich danach und schwang mich hinter ihr auf das Pferd. Mit heiserer, aber ruhiger Stimme begann sie zu sprechen. «Na komm, was ist passiert? Du hast dich mit jemandem gestritten, nicht?»

Einen Moment lang dachte ich nach, woher sie das wusste, aber dann brach es aus mir heraus. Dass meine Mutter nicht von hier gewesen war, sie sich von meinem Vater getrennt hat und sie nun seit vielen Jahren verschwunden ist. Dass mein Vater ein reicher Anwalt ist und glaubt, dass man alles mit Geld lösen kann. Dass ich deshalb von zu Hause weggelaufen bin und nun nicht weiss, wohin ich will. Sie hatte mir einfach nur zugehört, bis ich mit einem erleichterten Seufzer schloss.

Plötzlich merkte ich, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe. Also sagte ich: «Mein Name ist Tonto, und wie heisst du?» Sie lächelte mich an und sagte: «Aiyana», und kaum hörbar fügte sie hinzu: «Das ist indianisch und heisst ewige Blüte, du musst wissen, meine Mutter ist Indianerin.» Wir ritten eine Weile lang wortlos weiter. Ich merkte, wie sich die Gegend um uns veränderte. Der Boden wurde staubiger, und die Bäume wurden dürrer. Nach und nach verschwanden sie allmählich, und an ihrer Stelle standen jetzt grosse Kakteen, bis ich dann die Frage stellte, die mir schon lange auf dem Herzen brannte: «Warum? Warum nimmst du einen wildfremden Jungen mit dir und bringst ihn ins Indianergebiet?»

Eine Weile lang schwieg Aiyana. Dann sagte sie ernst: «In deinen Augen liegt Ehrlichkeit, in deinen Bewegungen Ruhe. Du bist nicht wie die anderen, du bist etwas Besonderes.» Diese Worte hörten sich aussergewöhnlich erwachsen an für ein etwa 13-jähriges Mädchen. Wir ritten weiter, bis wir nach zwei Monden Aiyanas Zuhause erreicht hatten.

Plötzlich ertönte ein Freudenschrei. Eine Frau mit langen schwarzen Zöpfen, einem buntbestickten schwarzen Rock und einer türkisen Bluse schloss Aiyana in ihre Arme, die sich sanft aus der Umarmung löste und redete in einer fremden Sprache auf die Frau ein.

Als sie geendet hatte, schloss diese mich in ihre Arme und sagte sanft: «Willkommen zu Hause, mein Sohn.»

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.