«Klub der jungen Dichter»

Der Geist des Geschehenen

Tanja Birrer, Menznau, schildert im «Klub der jungen Dichter», was sie mit zwei grauen, schon fast durchsichtigen Gestalten erlebt.

Tanja Birrer, Menznau, 3. Sek
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Tanja Birrer, Menznau, 3. Sek

Tanja Birrer, Menznau, 3. Sek

Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich schloss die Tür hinter mir. Ein kalter Wind zog durch die Wohnung, er brachte ein Rauschen mit sich. Unsicher stellte ich meine Tasche ab und ging den Geräuschen nach. Ich lief zur Küche. Das Rauschen formte zwei Stimmen. Eine der beiden war tief und kratzend wie die eines Kettenrauchers. Die andere heiser und verängstigt. Ich verstand kein Wort. Sie schienen meine Sprache zu sprechen, aber ich kannte die Wörter nicht.

Vorsichtig wagte ich den ersten Blick durch die Tür. Zwei graue, schon fast durchsichtige Gestalten standen vor mir. Ein Mann im Anzug mit schwarzen, lockigen Haaren, so wie meine, schrie auf eine zierliche Frau ein. Ihr wunderschönes Gesicht mit zarten Sommersprossen auf ihrer blassen Haut war von Tränen überflutet. Sie hielt ein Stäbchen in ihren zittrigen Händen. Ein Knall fuhr durch die Luft. Ein Schrei übertönte ihn. Er hatte die Frau geschlagen. Das Stäbchen flog durch die Luft in meine Richtung.

Ich zuckte zusammen. Was sollte ich nur tun? Der Mann war muskulös, zwar etwa gleich gross wie ich, aber gegen ihn wehren konnte ich mich auf keinen Fall. Neben ihm wirkte ich erbärmlich. Alleine schaffte ich das nicht. Ich drehte mich, um nach meinem Telefon zu greifen.

Ein zweiter Knall, ein zweiter Schrei, ein Klatschen auf den Boden. Die Frau war gefallen. Ich versuchte einzuschreiten, aber meine Beine machten schlapp. Wie gelähmt fiel ich auf meine Knie. Mein Blick schweifte zu dem Stäbchen. Zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest. Er war positiv.

Der Armen musste es so gehen, wie es damals meiner Mutter gegangen war. Ich war kurz nach meiner Geburt zur Adoption freigegeben worden. Man hatte mir erzählt, ich hätte so blasse Haut wie sie. Auch meine Adoptiveltern kannten meinen Vater nicht. Er war genauso wie der graue Mann vor mir, aggressiv, egoistisch, furchteinflössend.

Eine Wut ergriff mich. Der Frau sollte es nicht so ergehen wie meiner Mutter. Es durfte ihr nicht gleich ergehen. Ich hasste jedes Detail an dem Mann. Ich hasste seine Ignoranz. Ich hasste die Respektlosigkeit. Vorsichtig richtete ich mich auf. Die Gestalten bemerkten mich immer noch nicht. Er holte zum nächsten Schlag aus.

Ich stürzte auf ihn zu. Mein Kopf schlug auf den Boden. Die Frau war weg. Der Mann war weg. Nur grauer Nebel um mich herum. Schlagartig spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Schädel. Ein schwarzes Loch verschlang mich und ich wurde ohnmächtig.