Klub der jungen Dichter

Der Pilger im Moor

Ladina Bucher, Sempach, schildert im «Klub der jungen Dichter», wie sie in einem Moorgebiet einer seltsamen Gestalt begegnet und Irrlichter die düstere Szenerie prägen.

Ladina Bucher, Sempach, 6. Primar
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Ladina Bucher, Sempach, 6. Primar

Ladina Bucher, Sempach, 6. Primar

Die Nacht war kalt und stürmisch, als das Abenteuer begann. Damals war ich 6 Jahre und 3 Monate alt. Heute bin ich 61. Ich heisse Mathilda. Damals lebte ich mit meinen Eltern in einem grossen Moorgebiet in der Nähe des Sörenbergs im Kanton Luzern. An jenem Tag, an dem es passiert ist, habe ich eine Tante im Dorf Sörenberg besucht. Ich besuchte sie einmal in der Woche, um mit ihr über Sagen und Legenden zu sprechen, denn sie war eine leidenschaftliche Sagenerzählerin. An jenem Tag hat sie mir eine besonders gruselige Sage erzählt: «Es handelt sich um einen Pilger, der seine Gastgeber mit einem Zauberknochen und einem alten, morschen Holzkreuz in den tiefsten Schlaf brachte, um sie dann auszurauben und anschliessend zu töten. Er lebte in einem alten verlassenen Dorf. Als es eines Nachts sehr stark regnete und stürmte, stieg das Moor um das Dorf so sehr, bis das Dorf schlussendlich im Moor für immer versank. Seither sah man den Pilger mit seinem Holzkreuz über der Schulter immer in solch stürmischen Nächten wie in jener, in der das Dorf versunken war. Da, wo früher das Dorf war, entstand ein schwarzer See, der später von einer Moorschicht überzogen worden ist. Über dieser Moorschicht sieht man immer bei Vollmond spezielle Lichter. Es sind Irrlichter. Die Irrlichter sind die Seelen der versunkenen Leute, die keine Ruhe finden. Wenn man den Irrlichtern folgt, versinkt man im Moor und taucht nie wieder auf ... », schloss sie ihren Bericht.

Solche Sagen war ich mir gewöhnt. Trotzdem lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Ich sprach noch ein wenig mit Tante Margrit, ehe ich den Rückweg antrat. Auf dem Rückweg überraschte mich ein kalter Sturm. Da man nicht mehr viel sah, beschloss ich, dass es besser ist, wenn ich mir einen Unterschlupf suchen würde. Schliesslich kroch ich unter einen Felsvorsprung. Schon bald wurde es dunkel. Ich fror und zitterte am ganzen Körper. Jegliches Zeitgefühl hatte sich verabschiedet. Gerade als mir der Wind besonders fest ums Gesicht peitschte, hörte ich Schritte… Schritte, die immer näher kamen… Ich hörte ein Keuchen, ein Knarren…

Mit einem Mal hörte es auf zu regnen und es wehte nur noch ein leichter Wind. Da war es wieder, das Keuchen… Irgendetwas sagte mir, dass der Mensch, den ich da hörte, kein normaler Mensch war. Ich hatte Angst. Ich hatte richtig grosse Angst, aber ich konnte nicht weglaufen, denn ich war wie gelähmt. Da kam ein altmodisch gekleideter Mann hinter dem Gebüsch hervor. Er hatte ein morsches Holzkreuz über der Schulter und ein Knochenband um den Hals. Der Pilger(!), schoss es mir damals durch den Kopf. Der Pilger lief direkt auf mich zu, aber er starrte nicht mich an, sondern einen unbestimmten Punkt in der Ferne. Kurz bevor er mich erreichte, lief er plötzlich nach links weg. Mit seinem Holzkreuz streifte er einen Ast über meinem Kopf, der daraufhin krachend herunterfiel und genau meinen Kopf traf. Zuerst sah ich noch, wie die Gestalt des Mannes sich in Nebel auflöste, doch dann wurde es schwarz vor meinen Augen.

Als ich wieder aufwachte, lag ich im Krankenhaus. Ich erfuhr, dass ein Wanderer mich gefunden und ins Spital gebracht hatte. Dort lag ich drei Tage im Koma und hatte eine schwere Gehirnerschütterung. Als meine Mutter mich fragte, was denn passiert sei, erzählte ich ihr von dem Pilger. Doch sie glaubte mir nicht. Niemand glaubte mir, bis auf meine Tante Margrit. Seither, gehe ich nie mehr in kalten und stürmischen Nächten ins Moor …