Klub der jungen Dichter

Die geheimnisvolle Gabe

Deborah von Ah, Sarnen, schreibt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Mädchen durch einen Spiegel Kontakt zu einer geheimnisvollen, magischen Welt findet.

Deborah von Ah, Sarnen, 1. Kanti
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Deborah von Ah, Sarnen, 1. Kanti

Deborah von Ah, Sarnen, 1. Kanti

Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Etwas war anders! Ich blieb stehen und schaute mich um. Nichts. Ich lauschte. Nichts. Moment! Doch, etwas war da. Es roch nach ... Orchideen und ... Wald?! Ich lief durch das Haus und schnupperte, um herauszufinden woher der Geruch kam. Im hinteren Gang blieb ich vor dem grossen Spiegel stehen.

Hier war der Geruch am stärksten. Der Spiegel war oval und hatte einen sehr schönen geschnitzten Holzrahmen, ein Sammlerstück. Der schlaksige Junge, der mir aus dem Spiegel entgegensah, hatte dunkelbraunes, verstrubbeltes Haar, das ihm ins Gesicht fiel, wild auf der Nase herumtanzende Sommersprossen und eine schreckliche Brille, mit einem getönten Glas. Man sagte, er hätte crazy Augen, weil eines in allen Regenbogenfarben schimmerte und das andere tiefschwarz schien. Dies kam von einer vergrösserten Pupille, die für ihn den Tag unerträglich hell machte. Robin, der hässlichste Junge der ganzen Schule, dachte ich mir.

Meine Gedanken schweiften in den Pflegeraum zu meiner Mutter, einer Tierärztin, wo wir gerade ein Pantherbaby aufpäppelten, das letzten Monat plötzlich bei uns aufgetaucht war. Wir hatten keinen blassen Schimmer, wie dieses schwarze hungrige Häufchen Elend zu uns ins Haus gekommen war.

Als mich das Schlagen der Pendeluhr zurück in die Realität katapultierte, war es 20 Uhr und es dämmerte bereits. Mir fröstelte es schon beim Gedanken an die bevorstehende Nacht! Genau vor einem Monat, beim letzten Vollmond, schreckte ich nachts aus meinem Hochbett auf und schlug mir den Kopf heftig an der Decke an. Es fühlte sich an, als würde eine ganze Herde Elefanten darüber trampeln. Als ich mich davon erholte, bemerkte ich, wie etwas weisslich-blau vom Gang her schimmerte, wo der Spiegel stand. Weil ich mit meinem Auge nachts sehr gut sehen konnte, erkannte ich ein schwarzhaariges Mädchen, welches ein weisses Kleid trug, das gegen unten langsam in ein Dunkelblau verlief. Das Muster darauf sah aus, als wären es platt gedrückte, kleine Farne, die miteinander verbunden waren. Es hatte ein azurblaues und ein grasgrünes Auge, das gegen innen heller wurde. Sie schaute mich direkt an und sagte: «Folge mir! Wir brauchen deine Hilfe.» Ich setzte schnell meine Brille auf, aber dann war sie weg!

Jetzt riss mich ein gierendes Geräusch aus den Gedanken zurück in die Gegenwart. Es kam aus der Richtung des Spiegels, aber statt meines Spiegelbilds sah ich ... in eine wunderschöne Landschaft?! Ich erblickte ein eisernes Tor mit verschnörkelten Stäben, an dem sich Orchideen herum schlängelten, die in unterschiedlichen Pastellfarben leuchteten und zauberhafte Muster hatten. Dahinter erkannte ich einen Regenwald. Ein kleiner Weg aus grossen flachen Steinplatten führte durch das Tor und machte dann eine Biegung ins Ungewisse. Es sah fantastisch aus!

Erst auf den zweiten Blick erkannte ich die steinerne Bank an der linken Seite des Eisentors. Es erschien mir alles so unwirklich, dass ich die Brille abnahm und mir über die Augen wischte. Als ich sie wieder öffnete, erblickte ich das geheimnisvolle Mädchen wieder. Es sass auf der Bank und es sah aus, als hätte es auf mich gewartet. Nun wurde mir bewusst, dass ich nur mit meinem verhassten fehlerhaften Auge alles klarsah. Das Mädchen stand auf und sagte: «Uns ist versehentlich ein Panther entlaufen, weil beim letzten Vollmond das Weltentor offenstand. Für mich ist der Weg durchs Tor verschlossen, aber du hast die Gabe, es zu passieren. Könntest du den kleinen Ausreisser bitte zurückzubringen?» Ich stutzte, doch nun ergab alles einen Sinn.

Kurz darauf stand ich mit dem schwarzen Pantherbaby im Arm wieder vor dem Spiegel. Nach langem Zögern nahm ich tief Luft und wagte den Schritt durch den Spiegel in die geheimnisvolle magische Welt.