Klub der jungen Dichter

Ein Versehen ist bald gesehen

Seraina Kulli, Wolhusen, erzählt eine spannende Geschichte von einer Begegnung mit seltsamen Kreaturen auf einem anderen Stern.

Seraina Kulli, Wolhusen, 2. Sek
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Seraina Kulli, Wolhusen, 2. Sek

Seraina Kulli, Wolhusen, 2. Sek

Die Nacht war kalt und stürmisch, als das Abenteuer begann: «Aaaaanoroc!», schrie ich. «Wo bist du?» Vor ein paar Sekunden stand ich doch noch am Rande meines Sterns, beugte mich vor und sagte zu ihr: «Könnten wir doch auch einmal dort runter! Es sieht dort so spannend aus…» Sie erwiderte, dass uns das ausdrücklich verboten ist. Prompt aber fegte eine heftige Windböe über unseren Stern… Wir verloren beide das Gleichgewicht. «Aaaaanoroc!»

Gefühlte 384000 Millisekunden später landete ich sanft mitten auf dem Gesicht eines Menschenjungen. Mit meinen 83 kleinen Ärmchen konnte ich meine kugelrunde, winzige Gestalt festhalten. «Hey, hier bin ich!», ertönte auf einmal Anorocs Stimme. Nun sah ich sie, ebenfalls auf einem Menschengesicht. Sie tanzte diesem Mädchen auf der Nase herum. «Hier ist’s total lustig», kicherte sie. Wackelig war es, denn die Nase bewegte sich schnell vorwärts. Oh, nach ein paar Minuten wurde es schön warm, überall hörte ich Gequassel und fröhliches Gelächter. Dann wurde es still. Viele Köpfe waren um mich herum. Ich hüpfte von Nase zu Nase, denn ich liebte diese fröhlichen Menschengesichter! Ich kehrte zu meinem Knaben zurück und blieb bei ihm. An einem Morgen blieb der Menschenjunge müde liegen, ich sah eine Zeit lang kein einziges anderes Menschengesicht mehr. Mir wurde langweilig. Ich nahm alle meine Kraft zusammen und hüpfte an die frische Luft hinaus. Ich hatte Glück, ein Windstoss nahm mich mit und ich landete geradewegs auf einem Menschengesicht. «Divoc! Hier bin ich!» «Anoroc! Wie schön dich zu sehen! Wo warst du die ganze Zeit?» Da erzählte Anoroc mir von ihrer erlebnisreichen Reise auf der Mädchennase, nun aber liege das Mädchen die ganze Zeit herum und sei betrübt. Anoroc und ich hatten aber Lust, etwas zu erleben. So hüpften wir also von Nase zu Nase, hörten viele neue Geräusche, sahen brummende Blechkisten und schlossen Bekanntschaft mit der Ameise Simea. Sie war die einzige Kreatur auf diesem neuen Stern, mit der wir uns unterhalten konnten. Irgendwie sah Simea uns auch sehr ähnlich. Später entdeckten wir etwas Seltsames. Auf den Gesichtern der Menschen klebte ein Stück Stoff! An Orten, wo sich sonst viele Menschen versammelten, waren plötzlich fast keine mehr. Die sonst so lustigen Menschengesichter lachten nicht mehr. Das hatte hoffentlich nichts mit Anoroc und mir zu tun?!

«Du, Divoc, irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl», sagte Anoroc einmal zu mir, «was, wenn es wirklich mit uns zu tun hat? Ich möchte keine traurigen Menschengesichter mehr sehen.» Auch ich wünschte mir langsam, wieder nach oben, nach Hause auf unseren Stern zurückzukehren. Denn die Menschen krank und unglücklich machen, das wollten wir nicht. Wie kamen wir nun aber wieder zurück auf unseren Stern? Vielleicht wusste Ameise Simea Rat!

«Lasst euch doch einfach wieder von einem stürmischen Windstoss mitten in der Nacht nach Hause bringen», sagte Simea, als wir unser Problem geschildert hatten, «ich weiss einen zweckmässigen Platz.» Sie beschrieb uns den Weg. Wir bedankten uns und machten uns auf den Weg.

Angekommen, kam uns schon eine leichte Bise entgegen. Wir überblickten ein weites Tal. Einen Augenblick später wurde der Luftzug stärker. «3, 2, 1, spring!», rief ich Anoroc zu. Das hatte Simea uns angewiesen. Die Windböe zog uns in die luftige Höhe. Wir flogen und flogen… Da tauchte auch schon unser Stern auf! Ich war froh, wieder zu Hause zu sein. Einige Tage später, als wir wieder herabschauten – natürlich aus sicherer Entfernung zum Rand des Sterns – sahen wir, dass die Menschen keine Mund-Nasen-Bedeckungen mehr trugen! Sie lachten wieder, das freute uns sehr. Und da… sass mein Junge, fröhlich lachend auf der Schaukel. So sollte es wohl bleiben, bis der nächste Windstoss kam…