Klub der jungen Dichter

Eine besondere Nacht

Timo Zimmermann, Baar, schildert im «Klub der jungen Dichter», wie ein Knabe das Rätsel über den Tod seines Vaters aufklärt. Ist alles bloss Einbildung?

Timo Zimmermann, Baar, 5. Primar
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Timo Zimmermann, Baar, 5. Primar

Timo Zimmermann, Baar, 5. Primar

Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Der Esstisch war umgestossen und die Lampe lag am Boden. In meinem Zimmer lag ein Umschlag. Ich betrachtete ihn genau und merkte, dass er mit einem Siegel aus Wachs zusammengeklebt war. Der Brief öffnete sich wie von Zauberhand alleine, und ich hüpfte vor Schreck hoch.

Im Brief stand: «Lieber Dominik Weber, ich teile Ihnen mit, dass Sie ab dem 1. Oktober an die SFG Schule für Geheimagenten gehen werden. Das war der grösste Wunsch Ihres Vaters, bevor er gestern starb. Hochachtungsvoll, Amanda Gross, Direktorin SFG.»

In meinem Kopf waren tausend Gedanken. Einer davon war besonders schmerzhaft. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Warum, wieso war mein Vater gestorben? Was war passiert? Wir haben doch erst noch telefoniert. Viele Fragen, keine Antworten. Und oh Schreck, der 1. Oktober war ja schon morgen. Ich packte ein paar ­Sachen zusammen und machte mich auf den Weg – aber wohin eigentlich?

Ich nahm den Brief nochmals unter die Lupe: Aha, meine Reise führte mich an die Highway Street Nr. 23 in E17AA London. Und im Brief befand sich sogar ein Flugticket! Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig ins Flugzeug. Der Flug kam mir ewig lange vor, obwohl er nur eineinhalb Stunden dauerte. Nach der Ankunft in London wollte ich schnellstmöglich in diese Schule! Ich wollte alles von Amanda Gross über den Tod meines Vaters erfahren. Ich fragte einen Taxifahrer, wie ich an die Highway Street 23 komme. «Ah, du bist sicher Dominik:» «Ja-a», antwortete ich ganz erstaunt. Er meinte, Direktorin Gross erwarte mich bereits. Nach einer kurzen Fahrt durch London waren wir da. Amanda Gross, eine rundliche Frau mit einem Pferdeschwanz, erwartete mich bereits in ihrem Büro. Ich hatte ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch mit der Direktorin. Mein Kopf brummte danach. Soweit ich das verstanden hatte, bestand meine Aufgabe, die zugleich die Aufnahmeprüfung für die SFG war, darin, das Rätsel über den Tod meines Vaters aufzuklären.

Wie in Trance schlurfte ich in mein neues Zimmer. Ich wollte nur noch heulen! Ich liess mich auf mein Bett fallen und bemerkte dabei ein Foto auf dem Kopfkissen. Es zeigte meinen Vater mit einem mir fremden Mann auf einer sehr hohen Hängebrücke. Auf der Rückseite standen nur drei Wörter: Heute Treffen Mitternacht! Oh wow, war das ein wichtiger Hinweis, um meine Aufgabe zu lösen? Es blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst herauszufinden. Ausgerechnet eine Hängebrücke! Ich litt unter extremer Höhenangst. Direktorin Gross beschrieb mir den Weg.

Es dunkelte bereits. Als ich mich der Hängebrücke näherte, fing mein Puls an zu rasen und mir lief der kalte Schweiss herunter. Meine Hände zitterten und bald zitterte mein ganzer Körper. Vorsichtig setzte ich einen Fuss vor den anderen auf die schmalen Holzlatten der Brücke. Es wurde immer dunkler, und doch schien mir, dass in der Mitte der Brücke eine Person stand.

Ich ging immer weiter, ich hatte es fast geschafft, als ich merkte, dass ich die nächste Holzlatte verfehlte. Zu spät! Mit einem lauten Schrei fiel ich in die Tiefe der Schlucht. In weiter Ferne hörte ich jemanden meinen Namen rufen. «Dooominik, Dooominik!» Ich merkte, dass ich auf dem Boden aufschlug und öffnete meine Augen. Ich lebte noch! Bei genauerem Hinsehen merkte ich, dass mein Vater vor mir stand und mich skeptisch anblickte. «Schläfst du neuerdings auf dem Boden?» Mein Vater stand quietschfidel vor mir! «Also, steh auf, es liegt ein Brief für dich aus London auf dem Küchentisch! Ich frage mich, von wem der wohl ist...»