«Klub der jungen Dichter»: Das hilfreiche Ungetüm

Eline Huwiler schreibt im «Klub der jungen Dichter», wie sich ein kleines Ungetüm als ziemlich nützlich erweist. Was aber zu einem Problem führt.

Eline Huwiler, Aesch, 5. Primar
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Eline Huwiler, 5. Primar.

Eline Huwiler, 5. Primar.

Als ich in mein Zimmer kam, traute ich meinen Augen nicht ... Vor mir sass ein riesiges Ungetüm mitten in meinem Zimmer. Es war glitschig und hässlich. Ich schrie: «Hilfe, ein Riesenungetüm!» Jetzt kam meine Mutter angerannt und fragte: «Tim, Tim, was ist denn mit dir los?» Ich sagte: «Vor mir sass soeben ein Riesenungetüm!» «Aber wo ist es jetzt?», fragte die Mutter. Ich starrte in mein Zimmer hinein und konnte es selbst kaum glauben, dass da nichts mehr zu sehen war. «Also, dann erspar dir solche Spässe ein anderes Mal!», sagte meine Mutter etwas böse. Die Mutter ging in die Küche zurück.

Ich dachte nach: «Vielleicht ist es ja ein Monster, das sich nur zeigt, wenn man alleine ist… Da! Da ist es wieder! Da oben sitzt es auf meinem Schrank!» Das Ungetüm sagte leise in Robotersprache: «Komm herein und schliess die Tür! Uns darf keiner hören.» Das Ungetüm erklärte mir, als ich mit ihm alleine war: «Hallo, ich heisse Theophil, und ich kann Gedanken von anderen Menschen lesen. Ich möchte dein Freund sein.»

Ich überlegte einen Moment, ob ich wirklich der Freund von einem Ungetüm sein möchte. Schliesslich entschied ich mich dafür. Es konnte ja nichts dafür, dass es so übel aussah. «Wenn du mich mit in die Schule nimmst, kann man mich zwar nicht sehen, aber wenn ich dir drei- mal auf den Kopf klopfe, hörst du meine Gedanken», sagte mir mein neuer Freund. Schnell stellte sich heraus, dass Theophil nicht nur Gedanken lesen konnte, sondern auch auf jede Frage eine Antwort wusste. Dank Theophil war die Schule jetzt für mich ganz einfach. Alle freuten sich über meine guten Noten, und ich musste nur schauen, dass ich mich nicht verplapperte, denn Theophil sagte mir, dass er sofort weg ist, wenn ich jemandem von seinen heldenhaften Sachen erzählte.

Die Wochen vergingen, und ich schrieb die besten Noten bis zu jenem Morgen, als Theophil einen schrecklichen Schnupfen plagte. Er musste versteckt zu Hause im Bett bleiben. Ausgerechnet an diesem Tag schrieben wir in der Schule drei Prüfungen. Keine Frage, ohne Theophil wusste ich gar nichts! Jetzt würde alles aufliegen. Als die Lehrerin die Prüfungen zurückgab, war sie mehr über die schlechten Noten erstaunt als ich. Sie sagte: «Tim, komm mit mir raus!» Ich wusste genau, was jetzt kommt. Und ich spürte genau, dass es nicht richtig war, dass ich von Theophil alles einsagen liess. Die Lehrerin fragte: «Tim, was ist bloss los mit dir? Erst warst du ganz schlecht in der Schule, dann warst du zum Profi geworden, und jetzt geht wieder alles schief. Ich hoffe sehr, dass sich das jetzt schnell wieder ändert!»

Zu Hause wollte ich dringend mit Theophil reden. «Von nun an möchte ich, dass du mir nur noch als Lehrer zur Seite stehst und mir hilfst, die Dinge selber zu verstehen!» Und so wurde ich auf ehrliche Weise gut in der Schule. Die Lehrerin und die Eltern sind stolz auf mich. Aber das Geheimnis von meinem heimlichen Freund wussten sie ja alle nach wie vor nicht. Theophil und ich sind die besten Freunde und bleiben für immer zusammen!

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.