"Klub der jungen Dichter": Der letzte Drache

Flavio Nauer erzählt im "Klub der jungen Dichter" von der raffinierten Rettung eines Drachen.

Flavio Nauer, Rothenburg, 6. Primar
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Flavio Nauer.

Flavio Nauer.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht. Ich schlug mir auf den Kopf, damit ich sicher war, dass ich nicht halluziniere. Aber es stimmte, was ich sah. Auf meinem Bett sass ein Babydrache! Ich schaute mich um und bemerkte, dass kaputte Hühnerei. Ich zählte eins und eins zusammen und wusste: Das Hühnerei ist ein Drachenei gewesen! «Max? Machst du deine Hausaufgaben?», fragte meine Mutter. «Ähm, ja sicher», antwortete ich. Ich kannte meine Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie raufkommen würde.

Ich steckte den Drachen in den nächstbesten Kasten und schloss ihn. Zu spät erkannte ich, dass es der Safe war. In dem Moment ging die Tür auf. Ich schaffte es gerade noch, die Schulbücher auf das Pult zu werfen. «Siehst du?», sagte ich, «Hausaufgaben.» «Na schön, ich bin unten, wenn du etwas brauchst.»

Sie verliess das Zimmer. Dann schmolz der Safe ab. Einfach so. Ich glotzte den Drachen an, der Feuer hustete. Das waren mindestens zehn Zentimeter Stahl gewesen! Aber die Frage war: Was sollte ich mit dem Drachen machen? Ich traf eine Entscheidung: Ich würde morgen die Schule schwänzen, die Eltern würde ich nicht mit einbeziehen. Die kriegten immer fast einen Herzinfarkt, wenn sie ein Tier sahen. Und die Ranger? Nein, sonst würde der Drache im Fernsehen gezeigt und für wissenschaftliche Experimente benutzt.

Es wurde dunkel. Den Drachen versteckte ich unter dem Bett und ich ging schlafen.

Plötzlich wachte ich auf. Etwas war zerbrochen. Ich sah mich um und bemerkte den Drachen, der auf der zerbrochenen Blumenvase sass. Egal, sie mussten gehen. Ich versteckte die Schultasche, nahm mein Sackgeld und ging zum 100 m entfernten Bahnhof. Den Drachen hatte ich in meinem Rucksack versteckt. Ich löste ein Ticket und sprang in den Zug, der gerade abfahren wollte. Die Fahrt dauerte nur zehn Minuten.

Als der Kontrolleur in unser Abteil kam, kramte ich nach meinem Ticket und gab es ihm. Der Kontrolleur fragte mich: «Fährst du allein?» «Ja», antwortete ich. «Hast du denn nicht Schule?» «Nein» – «Warum denn nicht?» Ich wurde nervös. Was würde er machen, wenn er herausfand, dass ich die Schule schwänzte? Schnell erfand ich eine Geschichte: «Ähm, Architekten haben herausgefunden, dass unser Schulhaus zusammenstürzen könnte, wenn es ein Erdbeben gäbe. Darum mussten sie es sofort renovieren. «Ah, okay, gute Fahrt.»

Gleich darauf hielten wir beim Naturpark an. Ich schlich mich vom Eingang weg, bis ich eine gute Stelle fand. Jetzt gab es noch ein Problem: Die drei Meter grosse Mauer! Ich blickte den Drachen an und erklärte ihm: «Du musst da rüber fliegen.» Als ob er mich verstanden hätte, breitete er die Flügel aus und flog über die Mauer. Ich atmete aus.

Endlich war dieses Drachenproblem weg! Doch ich bekam düstere Gedanken, als ich ­daran dachte, dass in meinem Zimmer eine zerbrochene Vase lag, ich fünf Monate Hausarrest bekommen würde, wenn meine Mutter herausfand, dass ich die Schule geschwänzt hab und ich für den Test, der morgen stattfindet, nicht gelernt habe.

Na ja, das Leben geht weiter, auch wenn man einen Drachen gerettet hat!

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.