«Klub der jungen Dichter»: Der schönste Moment meines Lebens

Giulia Schmid erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie die Liebe viel Schlimmes gutmachen kann.

Giulia Schmid, Buttisholz, 6. Primar
Hören
Drucken
Teilen
Giulia Schmid.

Giulia Schmid.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht. Vor mir stand ein etwa 14-jähriger Junge, mit hellbraunen Haaren und smaragdgrünen Augen. Als er mich bemerkte, verwandelte sich sein Mund in ein strahlend schönes Lächeln. Bei seinem Anblick bekam man eine Gänsehaut. Achhhh, er war einfach ein Traumjunge! Ich starrte ihn einfach nur an, ich konnte nicht anders, der Anblick war gerade einfach zu schön, um wahr zu sein. Samuel. Es war Samuel, mein zwei Jahre älterer Cousin. Er kam auf mich zu und sagte: «Hallo Cousinchen, wie geht’s?» Mehrere Sekunden vergingen, bis ich mit einem einfachen «gut» antworten konnte. Er lief an mir vorbei runter in die Küche. Ich schaute ihm hinterher, bis er verschwunden war.

Ich trat nun endlich in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir und liess mich aufs Bett fallen. Ich starrte an die Decke. Das konnte doch nicht wahr sein! Welcher Vollidiot war denn schon in seinen eigenen Cousin verliebt?! Ich stand auf und setzte mich an mein Pult, ich nahm Stift und Papier zur Hand und fing an, einen Brief zu schreiben. Ich schrieb immer Briefe, wenn ich verzweifelt war oder nicht wusste, was ich machen sollte. In meinen Briefen konnte ich am besten meine Gefühle und Gedanken ausdrücken. Ich fühlte mich dadurch immer gleich ein bisschen besser. Als ich den Brief zu Ende geschrieben hatte, schaute ich auf die Uhr. Es war schon nach 18 Uhr und ich hörte, wie mein Vater mich zum Abendessen rief. Ich rannte die Treppe runter und gesellte mich zu den anderen an den Tisch. Es gab Karottensalat mit Fleisch und Mamas sehr leckeren Kartoffelbrei. Ich sass direkt neben Samuel, seine Mutter vor mir und sein Vater gleich neben ihr. Wir wünschten uns gegenseitig einen guten Appetit und fingen an zu essen.

Nach dem Essen guckten wir alle zusammen einen Film, ausser Samuel, der sich in sein Gästezimmer zurückgezogen hatte. Als der Film zu Ende war, wünschte ich allen noch eine gute Nacht und ich ging auch in mein Zimmer. Nachdem ich meinen Pyjama angezogen hatte und meine Zähne geputzt waren, las ich noch ein Kapitel meines angefangenen Buches. Dann fiel ich aber in einen tiefen Schlaf und träumte, dass ich mit Samuel am Meer war. Im Traum waren Samuel und ich nicht miteinander verwandt und hatten eine wunderbare Zeit als Pärchen.

Doch plötzlich wurde ich von einem lauten, wütenden Schimpfen geweckt. Ich setzte mich abrupt auf und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Unten angekommen, sah ich, wie Samuel seine Mutter fassungslos anschaute. Doch seine Mutter starrte nur schweigend auf eine Blumenvase. Samuel sagte mit wütendem Unterton: «Wie konntest du nur?» Dann rannte er nach draussen in den Garten. Ich folgte ihm. Er sass draussen auf unserer Gartenbank und zupfte an einem Grashalm. Ich setzte mich neben ihn und schaute ihn erwartungsvoll an. Nach einer Weile sagte er sehr traurig: «Meine Eltern haben mich als kleines Kind adoptiert.» Er schluckte und sprach dann weiter: «Meine leibliche Mutter wurde von einem fremden Mann vergewaltigt, das heisst, ich wurde aus Versehen geboren.»

Eine dicke Träne lief ihm die Wange hinunter. «Sie hatte nicht genug Geld, um sich um mich zu kümmern, also brachte sie mich ins Heim und war dann verschwunden». Dann fügte er noch wütend hinzu: «Wie konnten meine Eltern mir das die ganzen Jahre lang verschweigen?!» Ich war im Moment so geschockt, dass mir für einen Augenblick der Atem im Hals stecken blieb. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, also schloss ich Samuel einfach in meine Arme. Nach einer Weile löste er sich von meinen Armen und gab mir einen Kuss direkt auf den Mund. Dann sah er mir tief in die Augen und sagte mit einem breiten Lächeln: «Ich habe den Brief gelesen, der auf deinem Pult lag.» Ich wurde knallrot und in meinem Bauch schwirrten gerade tausend Schmetterlinge durcheinander. Doch dann lächelte ich ihn auch an und küsste ihn gleich noch einmal. Das war einfach der schönste Moment meines Lebens.

Bestimmen Sie den Siegertext mit!

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.