«Klub der jungen Dichter»: Kalte Erinnerung

Gloria Ehrat erzählt im «Klub der jungen Dichter» einen fast psychedelischen Albtraum.

Gloria Ehrat, Emmenbrücke, 2. Sek
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Gloria Ehrat.

Gloria Ehrat.

Ich öffnete meine Zimmertür und traute meinen Augen nicht! Mein Zimmer hatte sich in der Zeit, in der ich kurz weg war, um mit meiner Freundin einen Film zu schauen, völlig verändert! Es verschwamm vor meinen Augen, das Bild, das ich von meinem Zimmer in Erinnerung hatte. Denn da, in der Mitte des leeren Raumes, lag nur noch ein einziger Eiswürfel, der langsam vor sich hin schmolz. Was war passiert und wie konnte so etwas überhaupt geschehen?

Mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich betrat den einst noch so vertrauten Raum, der mir jetzt völlig fremd vorkam, und betrachtete den vor meinen Füssen liegenden Eiswürfel. Er war inzwischen schon fast zu einer kleinen Pfütze geworden. Ich ging auf die Knie und starrte diese eisblaue Pfütze an, die, wie ich bemerkte, exakt die gleiche Farbe hatte wie meine Augen. Gerade als ich mich zu der Pfütze hinunterbeugen wollte, da hörte ich eine Stimme. Es war eine klirrend kalte Stimme, als würde man zwei Eiszapfen aneinander schlagen. Und sie sagte: «Den Ring, den du musst hineinwerfen in die Pfütze, wird dich tragen lassen eine warme Mütze!»

Ich schaute auf meine langen, dünnen Finger und entdeckte den filigranen silbernen Ring, den ich immer am Zeigefinger trug. Ich hatte ihn zufällig gefunden, als ich letzten Winter mit den anderen Jungs aus meiner Klasse zur Schule gelaufen war.

Ich nahm den Ring vom Finger und hielt ihn über die Pfütze. Was tat ich da? War ich nicht ganz bei Sinnen? Das war vielleicht eine mordsgefährliche Sache! Doch wie wenn ich von einer unsichtbaren Hand geleitet wurde, liess ich den Ring direkt in die Pfütze fallen.

Die kleine Pfütze füllte sich plötzlich immer mehr mit Wasser. Ich hörte nur noch meinen eigenen erstickten Schrei, der in einem Gurgeln unterging. Die Zeit, die ich unter Wasser war, fühlte sich so unglaublich lange an. Ich bekam keine Luft, mein Gehirn war ganz gelähmt von diesem eiskalten Wasser, und schliesslich verlor ich das Bewusstsein.

Ich schlug meine schweren Augenlieder auf und spürte Kies unter meinem Rücken. Ich suchte die Gegend nach Ähnlichkeiten mit meinem leeren Zimmer ab, aber ich lag wahrhaftig an einem Kieselstrand, und vor mir lag ein ebenso eisblauer See wie die kleine Pfütze, die ich in meinem Zimmer vorgefunden hatte. Der Wind blies kleine Wellen in die Oberfläche des Sees. Es war ein wunderschöner Anblick! Ich drehte mich auf den Bauch und stand auf. Meine Sneakers waren völlig durchnässt. Ich spürte schon bei den ersten Schritten, wie der Wind mir um die Ohren fegte. Diese Stimme hatte Recht gehabt, ich würde wirklich gerne eine warme Mütze tragen, damit mir die Ohren nicht abfroren.

Bei dieser Kälte brauchte man viel Energie, um voranzukommen, darum verspürte ich jetzt schon einen riesigen Hunger. Bevor ich einen Weg suchte, um wieder nach Hause zu gelangen, musste ich zuerst etwas essen.

Auf dem Feld, auf dem ich stand, wuchsen kleine Sträucher mit grossen, grünen Früchten. Mein Hunger war grösser als die Vorsicht vor wilden Beeren. So biss ich in eines dieser kugelrunden Gewächse und kaute. Ich kaute und kaute. Doch es war so zäh und trocken, dass ich es gleich wieder ausspuckte. Pfui!

Ich liess mich auf die Erde fallen und blieb für einige Minuten liegen. Nass war ich immer noch, und ich hatte einfach keine Kraft mehr. Ich bin doch noch zu jung um zu sterben! Ich wollte um Hilfe rufen, in der Hoffnung, dass mich jemand hörte, aber aus meiner Kehle kam nur ein Krächzen. Also blieb ich in diesem jämmerlichen Zustand auf dem kalten Boden liegen. Ich schloss meine Augen und hoffte auf ein Wunder.

Ich erwachte auf einer Couch. Mein T-Shirt triefte vor Wasser, und ich fröstelte immer noch. Ich war völlig irritiert, aber zugleich auch ziemlich erleichtert. Ich hörte die Endmelodie des Films, den ich eigentlich mit meiner Freundin hätte anschauen wollen. Sie entschuldigte sich gerade wegen des Ice-Teas, den sie aus Versehen über mich ausgekippt hatte, nachdem ich eingeschlafen war.

Als ich aufstand, um mich frisch anzuziehen und mich auf den Heimweg zu machen, bemerkte ich das angebissene, grüne, runde Kissen nicht, das neben mir auf dem Sofa gelegen hatte. Es war wohl doch keine Frucht gewesen.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.