«Klub der jungen Dichter»: Ein Müllmann auf kniffliger Brautschau

Ivan Emmenegger erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie jemand mit Abfall eine Frau kennenlernen will.

Ivan Emmenegger, Hildisrieden,
6. Primar
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Ivan Emmenegger.

Ivan Emmenegger.

Donnerstag: Ich bin 39 Jahre alt und arbeite beim Müllamt Zürich. Ich habe nur wenige Probleme, aber ein riesiges, ich bin unendlich in diese Frau verliebt. Ich weiss nicht, wie sie heisst, und ich glaube, sie kennt mich noch gar nicht. Sie wohnt in der Ringelstrasse 8.

Freitag: Mist, das Problem ist jetzt noch grösser geworden. Sie ist weggezogen, jetzt weiss ich nicht einmal mehr, wo sie wohnt. Dabei war mein Ziel, bei ihr den Müll zu leeren. Ich frag mal den Chef, vielleicht weiss er, wo sie wohnt.

Ich habe grosses Glück. Dank meinem Chef weiss ich jetzt, wo sie wohnt. Sie wohnt in der Weissgoldstrasse 5. Ich habe gefragt, ob ich bei ihr den Müll abholen darf. Da wollte er wissen, wieso ich das will. Ich wollte ihm das nicht anvertrauen, darum musste eine Notlüge her: «Ich kenne sie, sie ist eine meiner lieben Verwandten.» Was auch fast stimmt, weil bald wird sie ja hoffentlich mein Liebling sein. «Ich will ja nicht böse sein. Du kannst nächsten Samstag um 8 Uhr mit Matze und Werner die Weissgoldstrasse und die Schlüsselbachstrass entmüllen.» – «Sie sind einfach der beste Chef, den man sich nur vorstellen vermag.» – «Ist ja schon gut.» Ich musste aufs WC gehen, um mich zu beruhigen. Ausgerechnet mit diesen Vollpfosten. Die können ja nicht einmal das Alphabet auswendig.

Samstag: «Heute ist es so weit! Ich bin mega aufgeregt. Also los. Ich latsche zum Müllwagen. Die anderen sind wieder einmal zu spät. Ach, da kommen sie gerade. «Kommt, schneller, schneller, ich will morgen nicht noch hier sein.» – «Jaja, wir haben ja alle Zeit der Welt.» – «Nein eben nicht. Kommt jetzt, Werner und Matze, ihr steigt vorne rein und fahrt.» – «Ich will aber lieber hinten drauf sein.» – «Nein, Matze, du fährst vorne mit.» – «Na dann.» – «Machen wir zuerst die Weissgoldstrasse.» – «Okay.» – «Für dich auch, Werner?» – «Jaja.»

Bald sind wir da. Nur noch wenige Container sind zwischen uns und der Nummer 5. Überraschend sehe ich auf der Terrasse der Nr. 5 eine Frau. Sie sieht genauso aus wie damals. Ich habe riesiges Glück. Jetzt muss ich absteigen. Wir sind da. Ich laufe zum Container. Einmal blicke ich nach oben und sehe, dass sie mich kaum wahrnimmt. Mist! Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich so fest gegen den Container stosse, dass er in den Springbrunnen fällt, der hinter ihm steht. Ich denke: Jetzt ist es aus und vorbei. Blöde ist, dass der Deckel nicht abgeschlossen ist. Er klappt auf, und der Müll wird vom Wasserstrahl erfasst und nach oben gerissen. Als der Müll wieder landet, taucht er ab und wird wieder nach oben gerissen. Diesen Vorgang wiederholt sich so oft, bis ich realisiere, was passiert ist. Ich springe sofort in den Springbrunnen. Leider habe ich in der Hektik vergessen, dass ich nicht schwimmen kann.

Zum Glück blickt die Frau in diesem Moment zu mir runter. Sie hastet sofort nach unten, öffnet die Haustür und spurtet zu mir. Matze und Werner haben natürlich nichts gemerkt. Sie zieht die Schuhe aus und springt zu mir hinein. Sie zieht mich heraus und macht Mund-zu-Mund-Beatmung. Dieser Moment ist der schönste in meinem jungen Leben. Ich komme wieder zu Bewusstsein. Ich bin ganz durcheinander! Plötzlich frage ich sie, ob sie mit mir ins Kino kommen will. Das ist mir einfach rausgerutscht.

Sonntag: Es ist Abend und wir trotten zum Kino. «Komisch, wieso ist da kein Licht. Mist, das Kino ist wegen Umbau geschlossen.»

Montag: Mist, sie ist wieder umgezogen, dabei wollte ich sie heute fragen, wie sie heisst. Jetzt reicht’s!

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.