«Klub der jungen Dichter:» Ein fiebriger Traum

Jérôme Bieler erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie die Entdeckung des eigenen Doppelgänger viel Freude macht. Wenigstens zunächst ...

Jérôme Bieler, Rickenbach, 6. Primar
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Jérôme Bieler.

Jérôme Bieler.

Als ich die Zimmertür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Vor mir stand mein zweites Ich. Er hatte die gleichen Haare, die gleichen Augen und sogar das gleiche Lächeln! Der einzige Unterschied zwischen mir und meinem Gegenüber war ein Muttermal rechts unter meinem Kinn. Falls ihr nicht wisst, wer ich bin, ich heisse Yannick und bin 16 Jahre alt. Aber kommen wir zur Geschichte.

Vor lauter Staunen brachte ich meinen Mund nicht mehr zu. Mit leiser Stimme fing ich an zu sprechen und fragte den Jungen stotternd: «Hallo, wer bist du?» Er antwortete darauf: «Hallo, ich bin du.» Auf meine anschliessend gestellten Fragen gab er mir blitzschnell eine Antwort: «Was ist mein Lieblingsessen?» «Pizza!» «Was mag ich?» «Fussball!» «Was mag ich gar nicht?» «Schule!» Ab diesem Moment begriff ich, dass er wirklich mein Doppelgänger war. Nämlich, diese Sachen wissen nicht mal meine Freunde.

Plötzlich kam mir eine tolle, aber zugleich dumme Idee in den Sinn. Wieso sollte ich noch zur Schule gehen, wenn alle Dinge, auf die ich keine Lust habe, mein Doppelgänger, der 1:1 gleich aussieht wie ich, machen könnte. Dann könnte ich mich mehr auf den Fussball konzentrieren, was mir mehr Spass macht, als diese öde Schule.

Gesagt, getan. Direkt am ersten Tag musste mein Doppelgänger drei Tests machen, was eigentlich meine Aufgabe gewesen wäre. Dabei war ich mir nicht einmal sicher, ob er überhaupt wusste, wie die Aufgaben gehen. Doch als er nach Hause kam und ich ihn fragte, wie die Tests gegangen sind, antwortete er mit einem Nicken und hielt den Daumen hoch. Was mich am meisten erstaunte, war, dass er mir sämtliche Sachen aus den Tests aufzählen konnte.

So ging das jeden Tag weiter. Plötzlich hatte ich auch meinen Durchbruch im Fussball, ich schaffte es in einen besseren und bekannteren Verein. Das noch Bessere war: Ich schaffte es in die Nationalmannschaft der Schweiz.

Alles lief perfekt, doch am 22. September passierte etwas. Als ich am Morgen erwachte, merkte ich, dass ich nicht gewohnt im Bett lag, sondern auf einem unbequemen Stuhl sass. Meine Hände waren mit einem Seil an der Seite befestigt. Dann kam mein Doppelgänger ins Zimmer. «Ich habe mich wohl in dir getäuscht», sagte ich. Er aber sagte kein Wort, sondern grinste vor sich hin und verliess das Zimmer wieder.

Ich spürte etwas an meinen Füssen, ich schaute nach unten und da sah ich das Wasser, der Raum füllte sich ganz langsam mit Wasser. Ich bekam es mit der Angst zu tun und rief um Hilfe. Mir wurde schwarz vor Augen und eine eisige Kälte durchfuhr meinen Körper. Jetzt ist es vorbei, so endet es also, dachte ich.

Da hörte ich meine Mutter meinen Namen rufen. Sie sagte, «Yannick, du hast Fieber». Sie nahm den nassen, inzwischen warmen Lappen von meiner Stirn, um ihn erneut zu kühlen, und verliess mein Zimmer. Da lag ich also schweissgebadet in meinem Bett und war unendlich froh, dass es nur ein fiebriger Traum gewesen war.

Plötzlich klingelt mein Handy. Ich griff danach und nahm den Anruf entgegen.

«Hallo Yannick, kennst du mich noch...?»

Heute die letzten beiden Texte

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Mit der heutigen Ausgabe beschliessen wir die tägliche Publikation zweier der besten 40 Storys. Morgen berichten wir darüber, an wen die Preise gehen, welche die Jury vergeben hat. Alle Texte finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können noch bis heute mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Wir danken allen ­Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.