«Klub der jungen Dichter»: Der goldene Apfelbaum

Johann Sidler erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie der griechische Held Herkules nicht nur die Muskeln spielen lässt, sondern sich auch als ziemlich clever erweist.

Johann Sidler, Kriens, 6. Primar
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Johann Sidler.

Johann Sidler.

Ich öffnete die Zimmertür und traute meinen Augen nicht. Dort sass Zeus, der griechische Hauptgott. «Hallo Herkules», sagte er. «Ich habe einen Auftrag für dich», fuhr er fort. «Hol mir ein paar Äpfel vom goldenen Apfelbaum, genau, wie du es vorher schon gemacht hast.» Und mit einem Lichtblitz war er verschwunden.

Ich war wütend. Wie konnte er einfach abhauen? Klar, ich war ein griechischer Heros, aber ich war alt, steinalt. Aber ich musste es tun, sonst würde er mich umbringen. Und so brach ich auf. Ich brauchte Tage, bis ich den Garten der Hesperiden gefunden hatte. Der Garten der Hesperiden wurde von den Hesperiden selber bewacht, drei schönen Frauen und einem riesigen Drachen. Aus der Ferne hörte ich ein Stöhnen. Ich schaute mich um und erblickte Atlas. Die Sache war so: Atlas war ein Titan. Also war er ein Sohn des Kronos. Im grossen Götterkrieg hatte Zeus die meisten Titanen in die Tiefen des Tartarus verbannt, ein besonders finsterer Ort der Unterwelt. Aber für Atlas hatte er eine besondere Aufgabe parat. Er musste den Himmel tragen, dort wo Himmel und Erde sich kreuzten. Der Drache sah furchteinflössend aus. Da fiel mir ein, was ich letztes Mal gemacht hatte, und hoffte, dass er immer noch so dumm war.

Ich lief auf Atlas zu. «Atlas, könntest du mir bitte ein paar Äpfel holen?» «Bist du bescheuert? Dann fällt der Himmel auf die Erde!», antwortete er.» Ach, für das ist gesorgt, ich trage ihn für dich», sagte ich. «Das würdest du für mich tun?», sagte er überrascht. Und so tat er das. Ich hob den Himmel für ihn (war verdammt schwer) und er holte die Äpfel. Atlas schien einfach froh, den Himmel los zu sein, und wie mir auffiel, war er immer noch ziemlich dumm. Der Drache liess ihn einfach machen, und die Hesperiden verneigten sich vor ihm. Alle schienen Respekt vor ihm zu haben. Als er zurückkam, sagte er: «Du kannst jetzt schön für immer den Himmel tragen.» «Ja klar, mach ich, wenn ich dort noch kurz das Kissen holen kann, um meine Schultern zu stützen», sagte ich möglichst locker. Die Wahrheit: Es gab gar kein Kissen. Er legte die Äpfel auf den Boden und wir tauschten erneut Plätze. Ich ergriff meine Chance, schnappte mir die Äpfel und machte mich aus dem Staub. Noch lange hörte ich sein wütendes Gebrüll. Als ich wieder nach Hause kam, hing ein Zettel an meiner Tür: Herkules, Test bestanden. Wollte nur sehen, ob du es noch draufhast, stand darauf. Wütend stellte ich die Äpfel ins Regal. Wenigstens sahen sie dort schön aus.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.