«Klub der jungen Dichter»: Liebe ist weiss

Jonathan Fedier erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Schachspiel auch auf dem Brett menschliche Züge annimmt.

Jonathan Fedier Oberarth, 2. Oberstufe
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Jonathan Fedier.

Jonathan Fedier.

Ich werde «Die Dame» genannt. Ein Name voller Bedeutung und Macht. Ich bin eine Schachfigur. Aus Stein. Wunderbar schwarz. Obsidian. Ich finde, ich sehe nicht nur attraktiv aus, ich bin es auch. Jedenfalls nur dann, wenn keiner vor Angst davonrennt, wenn er mich sieht.

Wenn ihr ein wenig Ahnung von Schach habt, wisst ihr, dass ich die mächtigste Figur bin. Meine Aufgabe besteht darin, den «weissen König» zu schlagen und Schwarz zum Sieg zu verhelfen. Diese tollkühne Tat beging ich schon mehrere hundert Male. Der weisse König war ganz zittrig von meinen vielen Schlägen und wurde gestern durch einen neuen jungen Burschen ersetzt. Sein Weiss ist noch sehr glänzend, er scheint gerade erst vom Steinmetz gekommen zu sein. Er sieht jedoch auch ein wenig dünn aus. Das muss jedoch nichts heissen. Ich freue mich schon, gegen ihn zu kämpfen.

Ich bin mir sicher, ich werde ihn noch oft schlagen. Eigentlich liegt es ja nicht an mir, sondern am Dummkopf von Mensch, der mit den weissen Figuren spielt. Er verliert praktisch jedes Mal, gut für mich, schlecht für den weissen König. Das ist übrigens ein sehr edler Typ. Lange blonde Locken, superschlank und eine Wahnsinnsfigur. Vielleicht wird es mir leidtun, wenn ich ihn schlage.

Aber so ist die Realität im Schach. Es ist ein Spiel des Grauens und der Gewalt. Der Klügere und Stärkere gewinnt immer. Trotzdem verspüre ich eine gewisse Anziehung zum weissen König. Eine Anziehung, die verboten gehört. Gegner zu mögen ist durchaus gleichbedeutend mit dem Tod. Naja, fast. Normalerweise wird ein «Verräter» einfach wie Abfall behandelt, egal wie mächtig er ist, und darauf gehofft, dass er bald ersetzt wird.

Eines Morgens setzt sich ein Mann ans Spielfeld und beäugt mich. Sein Gegner lässt sich auf der anderen Seite nieder. Das ist der Loser, von dem ich... Moment mal! Diesen Kerl habe ich noch nie gesehen. Wobei es eigentlich kein Kerl ist, sondern eine Frau. Sie ist sehr dick und ihre Aura wabert wie ein böser Geist um sie. Ich erkenne sofort, dass es sich dabei um ein äusserst brutales und boshaftes Geschöpf handelt.

Die Partie beginnt und die ersten Bauern rücken vor. Einer der Kleinen wird vom gegnerischen Springer dröhnend aus dem Weg geräumt. Es dauert ziemlich lange, bis ich begreife, dass die anderen uns in eine heikle Situation gebracht haben. Einer unserer Türme ist gefallen und der zweite wird gerade mitten übers Spielfeld getrieben, bis er vor mir stehen bleibt.

«Die sind besser geworden!», keucht er erschöpft und greift sich an die Brust.

«Mhh», murmle ich und blicke bedrohlich auf ihn hinunter. «Um uns zu schlagen, reicht es jedoch um Welten nicht!»

«Meinst du? Dieser Bauer hat mich beinahe gekillt. Ein Bauer!» In diesem Moment wird er von eben diesem niedergeschlagen. Ich zertrümmere eine Millisekunde danach dessen Kopf. Leider verläuft das Spiel weiter zu unseren Ungunsten. Die Schwarzen verlieren so viele Figuren, man kann sie nicht an einer Hand abzählen. Mich, die es nicht gewohnt ist, beunruhigt zu sein, beschleicht ein mulmiges Gefühl. Nichts, sage ich mir, während der letzte Läufer eliminiert wird. Wieder von einem Bauer. Wenig später habe ich drei Figuren geschlagen und etwa Gleichstand erzielt. Plötzlich stehe ich vor dem König. Er zittert nicht, so wie es der alte getan hatte. Er steht mit erhobenem Haupte da, stellt sich mir entgegen. Ich sehe ihn an und merke, dass er so viel anders ist als der alte. Ich verspüre eine gewisse Bewunderung für ihn. Dann presche ich auf ihn los, doch bevor ich ihn erreiche, schlägt mich die weisse Dame nieder. Ich sehe nur noch Schwarz.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.