«Klub der jungen Dichter»: Geblendet

Julia Riek erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein prächtiger Käfer zu gesellschaftspolitischen Überlegungen führt.

Julia Riek, Sarnen, 3. Kanti
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Julia Riek.

Julia Riek.

Der Prachtkäfer Julodimorpha Bakewelli, natürlich vorkommend in Australien, ist vom Aussterben bedroht, da er blind vor Liebe ist. Jedes Jahr sucht sich das Männchen in der Paarungszeit ein möglichst grosses, braunes und glänzendes Weibchen. Wenn er dann nach einer langen, unermüdlichen Suche meint, endlich seine grosse Liebe gefunden zu haben, merkt er in seinem Eifer nicht, dass dieses grosse, braune, glänzende Objekt nur eine Bierflasche ist. Es stellt sich heraus, dass nicht nur Menschen Bier mögen...

Aber nicht nur der Käfer ist blind, auch wir Menschen sind blind. Blind für die wunderschöne Natur, für Pflanzen, Tiere und unsere Mitmenschen. Wir halten uns für schlau, merken aber nicht, dass wir durch Werbung und Luxus geblendet werden. Die Menschheit wird manipuliert und meint doch zu wissen, was das Wichtige auf der Welt ist. Doch wegen unserer Blindheit leidet das, was schon vor uns da war, die Natur.

Die Natur genügt sich selbst, in ihrem natürlichen Kreislauf gibt es nichts im Übermass. Was produziert wird, wird wieder abgebaut. Der Mensch gehörte eigentlich auch zu diesem Kreislauf, bis er sich blenden liess durch Objekte der Begierde. Jeden Tag wird ihm tausendfach gezeigt, was er noch nicht hat, was er haben könnte und was er demnach haben muss. Blind vor Begierde, umgibt sich der Mensch mit Tausenden von Objekten, die zum Leben nicht nötig sind und ihn sogar behindern, ohne dass es ihm bewusst ist. Der steinzeitliche Mensch war noch im natürlichen Kreislauf der Natur eingebunden, auch er besass nur das Dringendste. Geblendet vom tausendfachen Gewicht von unnützem Plunder, verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Beschäftigt mit der Jagd nach der neusten Sache, sehen wir zwar, dass Insekten verschwinden, ganze Wälder niederbrennen, Menschen hungern und ihr Zuhause verlieren oder ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Die Dringlichkeit jedoch realisieren wir nicht. Verliebt ins neue iPhone, sind wir blind für die Probleme der Welt und glauben, dass wir mit Google alles lösen können.

Um es dem Käfer wieder zu ermöglichen, seine wahre Liebe – ein Weibchen seiner Art – zu finden, wurden in Australien braune Bierflaschen verboten, nur noch grüne sind im Verkauf.

Der Mensch verfügt ja über ein grösseres Hirn als der Käfer und hat somit die Möglichkeit, seine eigene Verblendung zu erkennen, die Augen für das Wesentliche zu öffnen und die Liebe zum Leben wieder zu finden.

Im Moment scheint es, dass viele Menschen wieder ihre Augen öffnen. Sie setzen sich ein für eine gerechtere Welt, in der die Lebensgrundlagen erhalten bleiben. Das bedeutet, dass wir alle weniger konsumieren und lernen zu verzichten. So gewinnen wir das grösste Gut: wertvolle Zeit, die wir sinnvoll verbringen können. Wir laufen mit geöffneten Augen durch die Welt, sehen, wo Not ist und wo unsere Hilfe gebraucht wird und was zu tun ist. Darum gehen so viele tausend junge Leute auf die Strasse und wollen mit ihren Plakaten und Sprüchen über den ­Zustand des Weltklimas erreichen, dass alle nicht mehr blind für das Wesentliche sind.

Bestimmen Sie den Siegertext mit!

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.