Klub der jungen Dichter
Auch Familien haben Geheimnisse

Vanessa Zumbühl aus Beckenried schreibt im Klub der jungen Dichter über eine mysteriöse Kammer. Darin findet sich das Tagebuch einer Vorfahrin. Was hat es damit auf sich?

Vanessa Zumbühl, Beckenried, 2. Oberstufe
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Vanessa Zumbühl, Beckenried.

Vanessa Zumbühl, Beckenried.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Das Haus hatte einmal meiner Urgrossmutter gehört, aber ich hatte nie verstanden, warum niemand mehr in diesem Haus lebte. Ich stand also vor der grossen Eingangstür, mein Herz pochte. Ich klopfte dreimal an die Tür, es kam nichts zurück. Ich klopfte nochmal zur Sicherheit, aber wieder nichts. Ich öffnete sie skeptisch. Der Boden knarrte, wenn man sich bewegte und ich hörte, wie noch eine kleine Maus weghuschte. Die Möbel in der Eingangshalle waren alle mit grossen Bettlaken abgedeckt. Ich ging vorsichtig einen Raum weiter. Es war das Esszimmer, aber die Stühle waren zum Teil umgeworfen und ein kleiner verstaubter Kerzenständer stand noch auf dem Tisch. Alles war voller Staub und Dreck. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl bei diesem Raum und wollte eigentlich raus, aber es fühle sich an, wie in einem Film, also ging ich ins nächste Zimmer.

Ich glaube, es war ein Arbeitszimmer. Ich ging etwas tiefer in den Raum, als ich plötzlich eine riesige und behaarte Spinne entdeckte. Ich lief langsam rückwärts und stolperte über einen umgefallenen Besen. Ich stürzte durch die tapezierte Wand in eine versteckte Kammer. Ich hatte vor Schreck geschrien und nun den ganzen Hals voller Staub und Dreck. Langsam spürte ich, wie meine Hüfte vom Sturz schmerzte. Im Moment war aber die Kammer interessanter. Da war ein Stuhl, ein kleiner Teppich und ein kaputter Spiegel hing an der Wand. Auf dem Stuhl war ein altes Buch. Ich nahm es in die Hand und blätterte es durch. Es war ein altes Tagebuch, das meiner Urururgrossmutter gehörte.

Freitag, 13. Oktober 1725

Meine Familie geht gerade durch eine schwierige Zeit. Vor kurzem wurde meine ältere Tochter Hildegard tot aufgefunden. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, wird jetzt auch noch mein Sohn Willhelm für ihren Tod verantwortlich gemacht. Deshalb soll er jetzt in einer Woche auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden.

Samstag, 14. Oktober 1725

Es ist jetzt kurz vor dem Mittag. Doch heute, mitten in der Nacht, wurde ich von einem lauten Knall aufgeweckt. Ich ging nach unten und wollte durch die Küche ins Wohnzimmer. Mein Mann fing mich auf und liess mich nicht hinein. Heute Morgen stand er, als wäre nichts gewesen, im Wohnzimmer und tapezierte eine Wand frisch. Ich habe ihn gefragt, warum, doch er sagte einfach, dass die Wand es wieder einmal nötig habe. Ich hatte es schon in Verdacht, aber jetzt hat es mir mein Mann erzählt. Er hat Willhelm von seinem Schicksal erlöst. Wir hoffen beide, dass er seinen Frieden gefunden hat. Mein Mann und ich werden in ein paar Stunden von hier verschwinden.

Illustration:
Tiemo Wydler

Ich klappte das Buch zu, denn ich wollte gar nicht mehr wissen. Ich rannte so schnell nach Hause wie noch nie, nicht einmal in der Schule beim Sprint war ich je so schnell gerannt. Zu Hause erzählte ich meinen Eltern alles. Die informierten sofort die Polizei. In den folgenden Tagen wurde das Haus auseinandergenommen und es wurden tatsächlich die Knochen meines Urgrossvaters gefunden.