Klub der jungen Dichter
Das besondere Weihnachtsgeschenk

Katharina Gwerder aus Sarnen schreibt im Klub der jungen Dichter über ein Mädchen, das schwer erkrankt ist. Wird es das Weihnachtsfest noch erleben?

Katharina Gwerder, Sarnen, 1. Kanti
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Katharina Gwerder, Sarnen.

Katharina Gwerder, Sarnen.

Als auf dem Pausenplatz die Popcornpackung explodierte, stand ich am Fenster und beobachtete, wie die Schneeflocken langsam auf die Erde zu segelten. Kinder spielten auf den grün-weiss gefleckten Wiesen, eine Lehrerin kam aus dem Schulhaus gelaufen und schimpfte die Jungsgruppe, die an einer Popcorntüte herumtüftelten und ein Hund jagte einem davon wehenden Blatt hinterher. Ich wandte den Blick ab und legte mich auf das frisch bezogene Bett. Kurz darauf kam Emma durch die Glastür hinein. Sie hatte die Haare zu einem Knoten im Nacken zusammen gebunden und trug zum Krankenschwester-Kittel einen hellblauen Schal. Sie setzte sich auf die Bettkante und drückte mir einen Vanilletee in die Hände « Alles gut bei dir?», fragte sie mich und blickte besorgt. Ich nickte und bekam ein mühsames Lächeln zustande. Sie erwiderte das Lächeln. Dann verschwand sie wieder nach draussen.

Eine Träne rollte mir übers Gesicht und ich wischte sie wütend weg. Es war einfach so ungerecht. Eine weitere Träne entwischte mir, ich drückte meinen Kopf in das Kissen und fing an zu weinen. Morgen war Weihnachten. Und so viel Dr. Winkler sagte, könnte es mein Letztes werden... Ein Schluchzen erhob sich aus meiner Kehle und liess meinen ganzen Körper beben. Ich hatte es satt, jeden Tag beissendes Desinfektionsmittel zu riechen, Infusions-Nadeln in meinem Handrücken fixiert zu haben, während ich die gesunden Kinder auf dem Pausenplatz in der Schule beobachtete. Nachdem ich mich endlich ausgeweint hatte, setzte ich mich auf und wischte meine Tränen fort. Ich sollte die Zeit lieber geniessen, nicht heulen, bis ich in meinen eigenen Tränen ertrank.

Illustration:
Tiemo Wydler

Die Schneeflocken wurden jetzt immer dicker und bedeckten die grünen Wiesen und den grauen Asphalt. Ich nahm einen Schluck Vanilletee. Plötzlich klopfte es und ein blonder Lockenschopf tauchte vor der Tür auf. «Mom!», ich stand auf und ging meiner Mutter entgegen. Sie strahlte und drückte mich. «Schau mal, was ich dir Leckeres mitgebracht habe», sagte sie schmunzelnd und schwenkte eine Tüte heisse Marroni mit Schokolade. Ich nahm sie glücklich entgegen und ein warmer Duft umhüllte mich. Zusammen setzten wir uns auf das Bett und assen die Leckerei. Mom nahm meine Hand in ihre. «Wir schaffen das schon, Ayana. Du bist stark!» Dankbar drückte ich ihre Hand und lehnte meinen Kopf an ihre Schulter. Sie roch nach Weihnachtsmarkt und Schnee.

Endlich Weihnachten! Ich schaute aus dem Fenster. Sonnenstrahlen liessen den Schnee, der sich überall abgesetzt hatte, märchenhaft glitzern. Eine Schneemaschine fuhr langsam die Hauptstrasse hinauf und ein paar Leute, dick eingehüllt in Mantel und Schal, waren schon draussen und schaufelten ihre Einfahrt frei. Emma klopfte und trat ein. «Frohe Weihnachten, Ayana», sagte sie lächelnd und stellte das Frühstückstablett auf dem Nachttisch ab. «Frohe Weihnachten». Ich lächelte zurück. Sie setzte sich zu mir ans Bett und schob meinen Ärmel nach oben. Ich bemerkte den Einstich der Nadel kaum, als sie mir Chemotherapeutikum spritzte. Ein kleines Pflaster beendete das Ganze und sie schob den Ärmel wieder nach unten. Ich schluckte eine Schmerztablette und spülte sie mit Tee hinunter.

Am Nachmittag gingen Mom und ich zusammen zur Eislaufbahn und holten uns Eislaufschuhe. Vorsichtig hielt ich mich am Geländer fest und versuchte, nicht umzufallen. Meine Perücke unter der Mütze verrutschte und wir lachten los. Nach einer Weile setzten wir uns auf eine Bank und schauten den blinkenden Lichterketten zu, die überall funkelten. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass in mir alles hochkam. Ich würgte und übergab mich, bevor ich aufstehen und zum Klo laufen konnte. «Oh, Gott», rief Mom aus und stützte mich. «Alles ist gut», versuchte sie mich zu beruhigen. Kläglich schaute ich meine Mutter an. «Mom, es tut so weh». Meine Mutter nickte. «Ich weiss. Alles ist gut». Sie wählte die Nummer des Krankenhauses und befahl mir, mich auf die Bank zu legen. Sie zog ihren Schal aus und breitete ihn über mir aus. «Ich hab so Angst, Mom», schluchzte ich. Mom nahm meine Hand und hielt mich fest.

Der Krankenwagen fuhr zu uns und ein paar Ärzte kamen heraus. Sie behandelten mich und redeten beruhigend auf mich ein. Mom und Dr. Winkler redeten leise miteinander und meine Mom schluchzte. Sie strich mir über den Kopf und beruhigte mich. Alles verschwamm vor meinen Augen und drehte sich wie in einem Karussell. Ich wurde mit einer Trage in den Wagen gehoben. Die Ärzte spritzten mir weiterhin irgendwelches Zeug, doch das bekam ich gar nicht richtig mit. Mir war schlecht und mein Kopf pochte. Stimmengewirr tanzte um meinen Kopf. Das EKG piepte und mir wurde schwindelig. Die Pieptöne wurden immer langsamer. Dann machte ich die Augen zu.

Ich packte einen letzten Pullover in meinen Koffer, dann rollte ich ihn mit Mom zum Ausgang. Als ich nach dem Vorfall wieder aufgewacht war, ging es mir plötzlich wieder besser. Es war das reinste Wunder. Doch Mom sagte mir, es gäbe immer häufiger solche Vorfälle, wo Kinder, die unter Krebs leideten, einfach plötzlich wieder gesund wurden. Es gab keine wissenschaftliche Erklärung dafür, doch das war nicht so wichtig. Ich konnte es immer noch nicht fassen und rollte meinen Koffer zum Auto. Mom lächelte wie ein Honigkuchenpferd und wir fuhren los. Lächelnd dachte ich nach. Das war das beste Weihnachtsgeschenk, das jemand hätte bekommen können.