«Klub der jungen Dichter»: Das Comeback einer Toten

Kira Bähler schildert im «Klub der jungen Dichter», wie sich eine dramatische Schlangenattacke unerwartet entwickelt. 

Kira Bähler, Merlischachen, 5. Primar
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Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht: Da stand meine Schwester, die vor zwei Monaten gestorben war.

Kira Bähler, 5. Primar.

Kira Bähler, 5. Primar.

Zwei Monate zuvor: Es war ein heisser Sommertag und die Sonne stand senkrecht am Himmel. Ein perfekter Tag, um in der Badi mit Freundinnen zu spielen. Aber statt in der Badi Eis zu essen, lag ich krank im Bett und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Doch gerade als ich mich ein wenig erholt hatte, hörte ich einen schrillen Schrei. Zuerst ärgerte ich mich, weil der Lärm meine Ruhepause gestört hatte. Aber dann machte ich mir Sorgen. Was war passiert? Ich stand auf und lief in die Richtung, aus der der Schrei kam. Er kam eindeutig aus dem Zimmer meiner Schwester. Plötzlich verstummte er. Als ich hineintrat, lag sie blutüberströmt auf dem Boden. Doch gerade als ich nach meiner Mutter rufen wollte, sah ich aus dem Augenwinkel ein zuckendes Ding. Plötzlich erkannte ich es und erstarrte. Es war eine drei Meter lange Schlange. Als ich genau hinsah, erkannte ich sie und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Unter dem Bett war eine schwarze Mamba. In dem Augenblick schoss das tödliche Tier auch schon auf mich zu und biss mir ins Fussgelenk. Das Letzte, was ich dachte, bevor ich in Ohnmacht fiel, war: «So ein Mist, heute wollte ich Level 12 von Candy Crush beenden.» Dann wurde alles schwarz. Das Erste, was ich wahrnahm, als ich wieder zu mir kam, war ein sonderbares Piepsen. Ich schlug auf den Nachttisch und schaltete den Wecker aus. Anschliessend setzte ich mich auf und versuchte vergeblich aufzustehen. Da erst bemerkte ich die klaffende Wunde an meinem Fussgelenk. Aber in diesem Moment war mir das eigentlich ziemlich egal. Ich hatte Hunger, Durst, und ich musste auf die Toilette. Also krabbelte ich mit aller Kraft Richtung Tür und öffnete sie.

Und jetzt war ich hier und schaute meiner Schwester in die weit aufgerissenen Augen. Noch ehe ich mich versah, schlang sie die Arme um meinen Hals. Zwischendurch hörte ich ein paar Worte wie «unglaublich» oder «Ist das ein Traum?». Dann zog sie mich in ein Zimmer, in dem meine Mutter mit einem Mann in einem weissen Kittel sass. Als meine Mutter mich erblickte, strahlten ihre Augen. Dann machte sie so ziemlich das Gleiche wie meine Schwester zuvor, nur zehn Mal so fest. Ich riss mich los, schwankte nach draussen und suchte jetzt endlich eine Toilette. Als ich wieder zurückkehrte, fühlte ich mich noch ziemlich wacklig auf den Beinen, hatte aber wesentlich bessere Laune als zuvor. Ich trat in das Zimmer, in dem meine Mutter gerade die Nase putzte. Ich setzte mich auf das graue Sofa und stellte die Fragen, die mir, seit ich aufgestanden war, keine Ruhe liessen: «Was ist passiert und wo bin ich?»

Meine Mutter erzählte, dass meine Schwester, als sie vor der Schlange flüchten wollte, mit der Nase in den Schrank geprallt war und heftiges, aber harmloses Nasenbluten bekommen hatte. So viel zu «blutüberströmt»! Sie war nicht schwer verletzt oder gar tot, wie ich gedacht hatte. Nun ja, hätte ja sein können. Ich selber fiel nach dem Schlangenbiss ins Koma und war so gut wie tot. Zwei Tage später bin ich wieder zu Hause, besuche die Mamba im Zoo und spiele Level 12 von Candy Crush. Jetzt ist alles perfekt.

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.