Klub der jungen Dichter
Das geheimnisvolle Haus

Olivia Elgass aus Beckenried schreibt im Klub der jungen Dichter über ein verlottertes Haus. Ein Schrank und eine Türe spielen eine besondere Rolle.

Olivia Elgass, Beckenried, 2. Oberstufe
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Olivia Elgass, Beckenried.

Olivia Elgass, Beckenried.

Das Haus sah verlottert aus. Der Namen am Klingelschild war unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen und ging knarrend auf. Von hinten hörte ich meinen Vater seufzen. Er hatte das Haus von seinem Vater geerbt und dieser von dessen Vater, der in einem Gefängnis in Russland gestorben sein soll. Ich trat vorsichtig hinein. Die Dielen quietschten bei jedem Schritt. Ratten schienen überall zu sein. Das war also unser neues Zuhause.

Mein Bruder erhielt im obersten Stock das grosse Zimmer. Mein Zimmer war kleiner, aber es hatte mindestens einen Balkon in Richtung Ostfriesisches Meer. Als ich am Abend ins Bett ging, konnte ich lange nicht einschlafen. Ich hörte unheimliche Geräusche vom Dachboden. Als ich endlich einschlief, träumte ich von einem Mädchen, das traurig aussah. Auch meinen Opa als kleines Kind und einen anderen Mann, wohl sein Vater, sah ich. Die beiden schauten aus dem Fenster und beobachteten, wie Soldaten in Uniform immer näher zum Haus kamen. Ich sah das Mädchen die Treppen in einen Keller hinuntersteigen. Da stand ein altes Bett und sie legte sich hin. Es wurde kälter im Zimmer. Ich wachte auf und realisierte, dass das Fenster offen stand.

Es war das gleiche Fenster wie im Traum, aus dem mein Opa und sein Vater die Armee beobachteten. Es fröstelte mich. Vielleicht gab es auch diesen Keller? Ich musste nachsehen. Ich stand auf und nahm mir eine Taschenlampe. In der Nacht hörte man jeden meiner Schritte und jeden Atemzug. Das Haus machte mir Angst, aber ich ging trotzdem weiter. Langsam stieg ich zum Keller hinunter. Kalte Luft kam mir entgegen. Wie im Traum? Plötzlich quietschte eine Tür. Ich erschrak und sah die Kellertreppe hoch. Da stand eine kleine Gestalt. Ich leuchtete der Gestalt ins Gesicht und schrie. Die Gestalt schrie ebenfalls. Es dauerte bis ich erkannte, dass es mein kleiner Bruder Tim war. Er wollte auf die Toilette und hörte Schritte.

Tim wollte wissen, wieso ich in der Nacht im Keller war. Ich erzählte ihm von meinem Traum. Vom Lärm aufgeweckt stand nun auch meine Mutter auf der Kellertreppe. Ich erzählte auch ihr von meinem Traum und dass es vielleicht der Keller hier im Haus sein könnte. Meine Mutter wollte davon nichts wissen und schickte uns wieder ins Bett. Ich konnte nicht schlafen. Das traurige Mädchen im Keller liess mich nicht los.

Illustration:
Tiemo Wydler

Als es Tag wurde, stand ich auf. Alle schliefen noch. Wieder schlich ich mich nach unten, diesmal unbemerkt. Die Tür zur Kellertreppe war noch auf. Wieder kam mir kalte Luft entgegen. Im Keller war es dunkel. Zum Glück fand ich einen Lichtschalter. Eine Glühbirne gab Licht. Die Tür aus meinem Traum sah ich nicht. Dort wo die Tür in meinem Traum war, war ein Schrank. Ich schob ihn auf die Seite. Er war schwer, aber ich schaffte es. Hinter dem Schrank war die Tür aus meinem Traum. Sie liess sich öffnen. Da sah ich dieses Bett aus meinem Traum. Ich schaute mich nach dem Mädchen um, sah sie aber nicht. Dafür lag ein Brief auf dem Kopfkissen. Ich setzte mich auf das Bett und las ihn: «Lieber Leonard, Danke, dass ich bei dir jahrelang Unterschlupf gefunden habe. Dafür bin ich dir auf ewig dankbar. Der Krieg ist zu Ende. Ich werde meine Familie suchen und hoffe, dass alle überlebt haben. Liebe Grüsse, deine kleine Friederike, 1945.»

Ich weinte. Mein Uropa muss dieses Mädchen während des Zweiten Weltkriegs vor den deutschen Truppen versteckt haben. Ich hoffe, dass sie ihre Familie gefunden hat. Wir werden es nie erfahren. Mein neues Zuhause kam mir aber schon mehr wie ein Zuhause vor.

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