Klub der jungen Dichter
Das geheimnisvolle Pergament

Lucy Le Grand aus Kriens schreibt im Klub der jungen Dichter über ein Pergament in verschnörkelter Schrift. Was hat es damit auf sich?

Lucy Le Grand, Kriens, 5. Primar
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Lucy Le Grand, Kriens.

Lucy Le Grand, Kriens.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen.

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und ging hinein, die Tür schlug laut hinter mir zu, sodass ich vor Schrecken erstarrte. Ich stand in einem Treppenhaus auf knarrendem Boden. Aufgeregt ging ich in den ersten Stock hoch. Vor mir war ein Zimmer, mittendrin stand ein grosser Tisch, an der Wand neben der Tür sah ich ein Regal mit vielen verstaubten Büchern und an der Decke flackerte ein Licht. Spinnweben hingen von der Decke. Nachdem ich mich ein wenig umgesehen habe und keinen Mucks hörte, trat ich ins Zimmer und lief auf das Bücherregal zu. Ich zog ein Buch heraus und legte es auf den Tisch. Als ich das Buch öffnete, fiel ein zusammengefaltetes Pergament heraus. Ich faltete das Pergament auf und sah Kreuze, Wege und Pfeile. Es sah aus wie eine Schatzkarte! In einer verschnörkelten Schrift las ich Start. Die Tür im unteren Stock sprang auf!

Als ich Schritte hörte, suchte ich nach einem Versteck und da fiel mir die grosse Kartonschachtel neben dem Bücherregal auf. Ich nahm schnell das Pergament vom Tisch, klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. Hastig zog ich die Kartonschachtel über mich. Durch den Schlitz in der Schachtel sah ich, wie ein Mann ins Zimmer trat. Ich erschrak, denn an seinem Gurt hatte er eine Pistole. Der Mann lief direkt auf das Bücherregal zu. Ich blieb ruhig in der Kartonschachtel sitzen, doch schon bald waren meine Beine eingeschlafen und ich bewegte mich ein wenig. Ich warf einen kurzen Blick auf den Mann, doch er war so sehr damit beschäftigt, ein Buch zu finden, dass er mich zum Glück nicht bemerkt hat. Durch meine Bewegung öffnete sich der Schlitz in der Schachtel noch mehr und etwas Licht drang hinein. Da fiel mir auf, dass vor mir auf dem Boden etwas glänzte. Ein Metallgriff! Ich wurde neugierig, zog vorsichtig am Metallgriff und eine Klappe öffnete sich. Ich schaute auf das Pergament in meiner Hand und da war ein Pfeil eingezeichnet, der genau auf die Klappe zeigte, ich war also auf dem richtigen Weg. Kurz warf ich noch einen Blick auf den Mann, der gerade jenes Buch aus dem Regal zog, welches ich vorhin in der Hand hatte. Ich hielt einen kurzen Moment inne und beobachtete, wie der Mann das Buch aufschlug, dann schlüpfte ich durch das Loch und hörte gerade noch den Mann verärgert vor sich hinmurmeln: «Wo ist denn das Pergament …», doch ich beachtete ihn gar nicht mehr, denn ich stand mitten in einem Flur.

Illustration:
Tiemo Wydler

Der Boden war mit einem roten samtigen Teppich überzogen und an den Wänden hingen viele Bilder mit Fotos von Personen. Unzählige Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Ist das ein Versteck eines Verbrechers? Ich schaute nochmals aufgeregt auf das Pergament. Da waren auch Bilder eingezeichnet, eines war mit einem Kreuz versehen. Ich verglich die Bilder auf dem Flur mit jenen auf dem Pergament und nahm das gekennzeichnete Bild von der Wand. Hinter dem Bild klebte ein Umschlag, welchen ich sofort öffnete. Darin stand: Mein geliebter Sohn Jules, du erbst mein gesamtes Geld! Dein Papa. In dem Moment wurde mir alles klar. Der Mann oben im Zimmer war wohl Jules, der das Testament seines Vaters suchte. Schnell machte ich mich auf den Weg nach oben. Ich hatte Angst, denn der Mann war bewaffnet. Als mich der Mann entdeckte, sagte er schnell: «Keine Angst, ich heisse Jules und bin Polizist.» Strahlend überreichte ich ihm das Testament.