Klub der jungen Dichter
Der Blutpilz

Kim Britschgi aus Hünenberg See schreibt im Klub der jungen Dichter über ein quirliges Eichhörnchen und was beim Zauberunterricht der Erstklässler schiefgelaufen ist.

Kim Britschgi, Hünenberg See, 6. Primar
Drucken
Kim Britschgi, Hünenberg See.

Kim Britschgi, Hünenberg See.

Auf der Waldlichtung entdeckte ich ein Eichhörnchen, das ein T-Shirt anhatte. «Siehst du das?!?», fragte ich meinen Bruder. Aber der war plötzlich verschwunden und es tanzten nur noch ein paar goldene Funken umher. Ich sah mich nach ihm um und spürte plötzlich einen Sog, der mich direkt zu einer dicken Trauerweide hinzog. Ich ging einmal staunend um den Baum herum und stolperte über eine Wurzel, die ich übersehen haben musste. Ich untersuchte erst ein paar Sekunden meine Schürfwunde, bis mir auffiel, dass ich bei meinem Sturz einen wunderschönen Fliegenpilz umgeknickt haben musste, der jetzt auf ungewöhnliche Weise rotes Blut anfing auszustossen! Ich wusste nicht, ob es am Sturz oder am Blut lag, doch plötzlich fühlte ich mich wie in Zuckerwatte gehüllt.

Als ich wieder aufwachte, befand ich mich in einer, sich strohig anfühlenden Hängematte die hoch oben in einer Linde vor sich her schaukelte. Auf meinen Rippen sass das Eichhörnchen vom Wald. Es trug immer noch das T-Shirt und, wie mir erst jetzt auffiel, winzig kleine Sneakers. «Chiara, Chiara!», rief es immer wieder und hüpfte auf mir herum wie ein Gummiball. «Wer bist du?», fragte ich es. «Freddy Fremdenführer, aber alle nennen mich FF. Du möchtest sicher wissen, wo dein Bruder ist und wie du hergekommen bist. Das kann ich sagen. Also, alles begann damit, dass die Einhorn-Erstklässler das erste Mal Zauberunterricht hatten. Leider ist irgendetwas schiefgelaufen und ein Teleportation-Zauber ist in die Menschenwelt gelangt. Dummerweise hat er deinen Bruder getroffen, der sogleich in unsere Welt gelangte. Wir waren alle sehr erschrocken und haben ihn sogleich ins Fundbüro gesteckt. Falls jemand kommt und ihn sucht. So wie du jetzt.»

«Was! Ihr habt meinen Bruder einfach in ein Fundbüro gesteckt!?! Er ist doch kein Regenschirm u-und auch kein Koffer.» «Keine Sorge, jetzt bist du ja hier und kannst ihn abholen kommen.» «U-und rein theoretisch, wenn ich dieses Fundbüro gefunden hätte und meinen Bruder ‹abgeholt› hätte. Wie würden wir dann aus dieser gewöhnungsbedürftigen Welt wieder herausfinden?» «Das ist ganz einfach, wenn du deinen Bruder abgeholt hast, müsst ihr einfach zum Arzt gehen. Da wird euch Blut genommen und ihr könnt gehen.» «Wieso wird uns denn Blut genommen?» «Weil du den Blutpilz umgeknickt hast und so in unsere Welt gelangt bist. Und um wieder zurückzugelangen, muss man einen Tropfen Blut der Personen, die zurückmöchten, in ein Röhrchen tropfen, welches das Blut direkt in den Pilz leitet.»

Illustration:
Tiemo Wydler

«Ok.» Gab ich ein bisschen verwirrt und auch ein bisschen respektvoll zurück. Denn immer, wenn mir Blut genommen wurde, wurde mir schwarz vor Augen. Aber na ja. FF erklärte mir noch, wo was war, und dann ging ich los, um meinen Bruder «abzuholen». Ich fand den Weg zum Glück schnell. Und als ich dann die Tür öffnete und mein kleiner Bruder freudig auf mich zu rannte, war ich für einen Moment richtig glücklich. Die Betonung liegt auf «Moment». Denn als wir nach dreimal Verlaufen beim Arzt eintraten, wurden wir von einer schlecht gelaunten Elfe ins Wartezimmer geschickt. Wir sahen uns an und dachten beide dasselbe. Wann können wir endlich zurück?! Nach fünf Minuten Wartezeit wurden wir in ein Zimmer eingewiesen, in dem eine weitere schlecht gelaunte Elfe auf uns wartete. Zuerst wurde meinem Bruder Blut genommen, da er kein Problem mit Blutsehen hat, doch als mir dann die Spritze in die Ellenbogenunterseite gerammt wurde, taumelte ich rückwärts und sah nur noch meine Hand, die nach meinem Bruder griff, bevor ich mit dem Kopf auf den Boden aufschlug.

Als ich meine Augen aufschlug, blickte ich an meine Zimmerdecke. Das musste alles ein Traum gewesen sein. Aber von wo war denn diese Schürfwunde?