Klub der jungen Dichter
Der Falke

Martina Kiser aus Alpnach schreibt im Klub der jungen Dichter über eine Maus, die sich seltsam verhält. Was hat es mit dem Nagetier auf sich?

Martina Kiser, Alpnach, 2. Oberstufe
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Martina Kiser, Alpnach.

Martina Kiser, Alpnach.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Ich trat über die Schwelle. Im Haus war es dunkel, doch ich konnte den muffigen Gestank riechen, der mir entgegenkam. Ich holte meine Taschenlampe aus dem Rucksack und schaltete sie ein. Ich machte noch einen Schritt und die Tür fiel mit einem Ruck in das Schloss. Ich liess den Lichtkegel der Taschenlampe über den Boden schweifen. Der Lichtkegel erschrak eine Spinne, die hastig unter einen Sessel krabbelte. Ich stand offenbar in einem Wohnzimmer. Ich sah ein Sessel und ein Sofa, ein kleines Salontischchen und ein Bücherregal. Unter meinen Füssen erstreckte sich ein prächtiger Teppich. Mit seltsamen Mustern darauf. Eine Maus flitzte vor meinen Füssen durch, doch plötzlich hielt sie an und schaute zu mir zurück. Ich erschrak. Sie sah aus wie eine Maus, doch diese Augen waren nicht die einer Maus. Es waren viel klügere Augen, die voller Weisheit steckten. Die Maus sah mich einen Moment lang an. Dann blinzelte sie und verschwand in einem Loch. Ich blieb noch einen Moment stocksteif stehen. Diese Maus war nicht normal. Das war für mich klar. Ich schaute noch einmal zu dem Loch, in dem die Maus verschwunden war, bevor ich durch die Tür ging, die am anderen Ende des Raumes lag.

Ich stand offensichtlich in einer Küche, denn da war ein Kochherd und ein Tisch mit Stühlen. Ich sah an die Decke. Dort an der Decke hing ein riesiger Kronleuchter. Ich fand das ein wenig seltsam, denn das war ja ein einfaches Haus und dieser prächtige Kronleuchter passte irgendwie nicht da rein. Ich liess meinen Blick über den Boden schweifen und sah ... die Maus. Sie stand vor der Tür und sah mich wieder einfach nur an. Nach ein paar Sekunden drehte sie sich um und machte ein paar Schritte Richtung Wohnzimmer. Dann blieb sie stehen und schaute zu mir zurück, als wollte sie mir sagen, dass ich ihr folgen sollte. Als ich ein paar Schritte in ihre Richtung machte, drehte sie sich um und verschwand durch die Tür. Ich lief ihr hinterher. Beim Loch, in das sie schon beim ersten Mal verschwunden war, wartete sie auf mich. Als sie mich sah, verschwand sie darin. Ich näherte mich dem Loch und kniete mich davor hin. Ich senkte meinen Kopf, schaute hindurch und mir stockte der Atem.

Illustration:
Tiemo Wydler

Ich erwartete, dass ich den Innenraum eines Mäuselochs sehe. Doch da war kein Innenraum, da war Sonnenlicht und Vogelgezwitscher. Ich kniete nicht mehr am Boden vor dem Loch, sondern ich stand auf einer kleinen grünen Lichtung. Noch bevor ich mich von dem Schock erholt hatte, sah ich wieder die Maus. Sie kam auf mich zu und sprach mit ruhiger Stimme: «Ich habe auf dich gewartet.» Ich dachte ich träumte. Eine Maus konnte doch nicht sprechen. Ich war fest entschlossen mich wieder aufzuwecken und kniff mich in den Arm. Es tat weh. Ich träumte nicht. Es war Wirklichkeit. Ich stand da und starrte die Maus sprachlos an. Als ich meine Stimme wieder gefunden hatte, fragte ich: «Wo bin ich, wer bist du und wieso hast du auf mich gewartet?» Die Maus erwiderte: «Du bist hier in Molanien. Mein Name ist Winky und ich habe auf dich gewartet, weil du die Auserwählte bist.» Ich starrte die Maus (oh entschuldige, ich meine Winky) an und fragte unsicher: «Die Auserwählte? Was redest du denn da?» Die Maus sah mich an und nickte. «Ja du bist der Falke