Klub der jungen Dichter
Die goldenen Augen

Seraphine Fähndrich aus Rothenburg schreibt im Klub der jungen Dichter über einen mysteriösen Raben. Was ist dessen Geheimnis?

Seraphine Fähndrich, Rothenburg, 1. Sek
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Seraphine Fähndrich, Rothenburg

Seraphine Fähndrich, Rothenburg

Als auf dem Pausenplatz die Popcornpackung explodierte, stand ich am Fenster und beobachtete, wie ein schwarz schimmernder Rabe angeflogen kam und versuchte, ein paar Popcorns zu erwischen. Ich erinnerte mich, den schwarzen Raben schon einmal gesehen zu haben. Er schaute zu mir. Die goldigen Augen, die mir sehr bekannt vorkamen. Ich wollte meine Freundin Lara auf ihn aufmerksam machen, aber die sah ihn nicht. «Du bist doch verrückt!», sagte sie lachend. Doch ich sah ihn immer noch auf dem roten Pflasterstein sitzen. Lara zog an meinem Pulli. «Komm jetzt Ayla ich will nach Hause», jammerte sie. Der Boden auf der Strasse war schon überall mit bunten Blättern bedeckt. Noch immer dachte ich an den Raben.

Als ich zu meinem Haus kam, klingelte ich. Meine Mutter kam und begrüsste mich mit einem Kuss auf die Stirn. Ich wollte gleich in mein Zimmer rauf, um ein Buch zu suchen. Es war das Buch, das mir Papa zurückgelassen hatte, nachdem er verschwunden war. Ich hatte es schon oft angeschaut, aber ich wurde immer wütend auf meinen Dad, weil er mich und Mama allein zurückgelassen hat. Die Seiten waren alt und vergilbt. Auf der letzten Seite war ein Vogel abgebildet, der mir noch nie aufgefallen war. Zumindest nicht im Buch, denn ich erkannte den schwarzen Raben in ihm wieder. Darunter war ein Datum in blauer Tinte geschrieben. Das Datum, an dem Papa spurlos verschwunden war.

Illustration:
Tiemo Wydler

Plötzlich klopfte es an mein Fenster. Der Rabe! Er sass auf dem silbernen Fensterrahmen und schaute zu mir herüber. Ich zögerte zuerst, das Fenster zu öffnen, doch ich tat es trotzdem. Er flog geschmeidig in mein Zimmer und krächzte. Ich zuckte zusammen, als er mir näher kam. Er setzte sich auf meine Schreibtischlampe, flog dann aber wieder aus dem Fenster und liess sich auf der Wiese in unserem Garten nieder. Er schaute mich an, als würde er auf mich warten. Ich verstand. Leise schlich ich die Treppe runter und öffnete die Tür. Draussen war es schon dunkel. Schnell lief ich in den Garten und der Rabe flog in Richtung Wald. Ich folgte ihm bis zu einer grossen Eiche. Vor der Eiche krächzte er einmal laut und diese spaltete sich in zwei. Ich erschrak und wich zur Seite. In der Mitte des Baumes waren Knöpfe mit Nummern darauf eingezeichnet. Der Rabe wies mich auf die Nummern hin. Vorsichtig trat ich näher. Ahnungslos tippte ich irgendeine Zahlenkombination ein: 15324… Aber nichts tat sich. Mir fiel das Datum ein, das in dem Buch geschrieben war. Ich drückte 51019. Der Rabe schlug mit seinen Flügeln und erhob sich. Es flackerte immer wieder ein Bild aus ihm. Ein Mann mit braunen Locken und goldenen Augen. Es war mein Papa, der da immer wieder aufleuchtete, bis der Rabe nicht mehr zu sehen war und nur noch Dad vor mir stand. Ich lachte auf und umarmte ihn. Wir weinten beide, bis ich dann fragte: «Wie und was?»

Er erzählte mir, dass er diese Eiche hier gefunden hatte und sie fällen wollte. Die Eiche war aber verzaubert und ihm gelang es nur, eine tiefe Wunde in die Eiche zu hacken. Am nächsten Tag, als er aufwachte, war er ein Rabe. Er wurde verflucht und hatte Angst, dass ich und Mama ihn nicht erkennen würden. Er musste schnellstens aus dem Haus. Er fand dann heraus, dass er jemanden dazu bringen müsste, den Code zu knacken, und dachte an mich. Ich hörte gebannt zu und war geschockt über seine Geschichte. Dann merkte ich, wie müde ich war. Arm in Arm gingen wir gemeinsam nach Hause.