Klub der jungen Dichter
Rang 2 Kategorie Oberstufe: Ein (fast ganz) normaler Tag im Leben eines hyperaktiven Kindes

Moritz Durrer aus Rickenbach schreibt im Klub der jungen Dichter über einen Ausflug ins Dinosauriermuseum, der im blanken Chaos endet.

Moritz Durrer, Rickenbach, 2. Gymnasium Stiftsschule Einsiedeln
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Moritz Durrer, Rickenbach bei Schwyz.

Moritz Durrer, Rickenbach bei Schwyz.

Es war schon mutig, ausgerechnet mit unserer Klasse die Museumsführung zu buchen. Aber was dann geschah, hätte wohl niemand gedacht...

Ich heisse Marco, bin 14 Jahre alt und gehe zur Einsteinschule. Ihr denkt jetzt bestimmt, dass ich total schlau bin, weil ich zu einer solchen Schule gehe, aber falsch gedacht. Es ist eigentlich nur eine Schule für Kinder, bei denen man es aufgegeben hat, ihnen etwas beibringen zu wollen, und die schon jeden Lehrer in so tiefe Depressionen versetzt haben, dass dieser sein ganzes Monatsgehalt für Antidepressiva ausgeben musste. Die meisten von uns sind schwere Fälle von Hyperaktivität, und meiner Meinung nach sollten sie an Stelle von Wasserspendern Ritalinspender auf den Gängen aufstellen. Die Schule heisst nur Einsteinschule, weil der Hügel, auf dem sie gebaut wurde, um andere Leute nicht mit dem von uns veranstalteten Lärm zu belästigen, so genannt wird.

Ich bin in schon zwölf verschiedenen Schulen gewesen, und mein Rekord war ein halbes Jahr, bevor ich rausgeworfen wurde. Jedenfalls hat uns unser Lehrer mitgeteilt, dass wir einen Museumsausflug machen werden. Er musste es aber ein paar Mal sagen, weil die anderen so laut rumschrien, dass ein kleiner Vogel aus dem Baum neben dem Klassenzimmerfenster fiel. Wir mussten unsere Schuhe anziehen und zum Bahnhof gehen. Als wir dann auf den Zug warteten und ein übermotivierter Lehrer uns ständig ermahnte, keine Klassenkameraden auf die Gleise zu schubsen, spielten wir Schere, Stein, Papier. Dann kam der Zug auch schon, und wir stiegen ein. Die Lehrer nehmen immer vorsorglich einen Sack voll Ohrenschützer mit für die armen Leute, die mit uns im Zug reisen.

Es dauerte knapp eine halbe Stunde, bis wir am Ziel angekommen waren. Nach einem kurzen Marsch standen wir auch schon vor dem Dinosauriermuseum und betrachteten das grosse Skelett vor dem Eingang. Lilly, Zora und David hielten es offenbar für eine gute Idee, auf dieses Fossil zu klettern, weswegen ein paar Museumswärter eine Leiter holten und sie heruntertragen mussten. Alle drei bekamen einen Verweis vom Museum und mussten darum mit Herrn Reichmuth wieder zurückfahren, darum kam nur ein einziger Lehrer mit uns hinein. Die Lehrer waren die einzigen Menschen, die uns mit Mühe daran hindern konnten, alles zu demolieren. Darum wusste Herr Betschart, als sein Magen ein nicht gut klingendes Geräusch machte, dass wir ein Problem hatten. Er flehte uns auf Knien an, dass wir nichts Dummes anstellten, während er auf die Toilette ging. Er verschwand in Richtung Besucher-WC, und jeder Einzelne von uns wusste, dass wir freie Bahn hatten. Danach brach das komplette Chaos aus.

Illustration:
Tiemo Wydler

Nicolas setzte dem uralten Tyrannosaurus eine Mütze auf, während wir anderen in voller Lautstärke Fangen spielten. Ich knallte aus Versehen mit meinem Arm an den Feueralarm, eine Sirene heulte los, während die Sprinkleranlage ihr Bestes gab, um das Museum in ein Aquarium zu verwandeln. Das hielt uns nicht davon ab, fremde Leute anzuschreien und jedes erdenkliche Skelett der Ausstellung zu zerstören. Timo fand einen grossen Hammer und schlug auf ein Eisengeländer ein, was auch nicht gerade hilfreich war.

Irgendwann traf die Feuerwehr ein, und als sich der Staub gelegt hatte, sah es aus, als wäre ein Atomreaktor mitten im Museum explodiert. Die Feuerwehrleute schafften es, uns festzuhalten. Danach wurden wir mitsamt Lehrer, der sprachunfähig schien, von der Polizei abgeholt. Unsere Eltern mussten 50 000 Franken Entschädigung ans Museum zahlen, und Herr Betschart wurde gefeuert. Aber als wir ihn zum letzten Mal sahen, schien er gar nicht traurig darüber zu sein. Und wir fügten einen weiteren Strich auf unserer «Lehrervertreibungsliste» hinzu. So bald werden wir wohl keinen Schulausflug mehr machen …