Klub der jungen Dichter
Eine Erinnerung

Zita Bachschmid aus Beckenried schreibt im Klub der jungen Dichter über das Haus ihrer Grossmutter. In einem Nachttisch macht sie eine berührende Entdeckung.

Zita Bachschmid, Beckenried, 1. Oberstufe
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Zita Bachschmid, Beckenried.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Nach einer letzten Überlegung ging ich einen Schritt vor und trat ein. Sofort trat ein ekliger Gestank in meine Nase. In meinen Ohren dröhnte mein Herzschlag. Plötzlich hörte ich ein Rascheln aus einem der Räume. Ich zuckte zusammen. Langsam ging ich durch den Flur bis zur Küche. Auf dem Weg drehte ich mich immer wieder um. Die Küche war modrig, an den Bilderrahmen war überall Moos gewachsen. Aus dem Wasserhahn kam in regelmässigem Abstand ein Tropfgeräusch. Das Rascheln wurde lauter. Im Waschbecken waren noch Teller. Die alten Essensüberreste waren mit Schimmel übersät. Langsam hob ich einen der Teller hoch. Eine schwarze Gestalt flog mir direkt ins Gesicht. Ich brauchte einen Moment, bis ich merkte, dass es eine Fledermaus war. Das war also das Rascheln, das ich gehört hatte.

In der Küche konnte ich nichts mehr entdecken, also ging ich in den nächsten Raum. Doch auch dort fand ich nichts mehr. Nach einer Stunde hatte ich fast die Geduld verloren, als ich sah, dass ich ein Zimmer vergessen hatte. Ich war im zweiten Stock. Vorsichtig machte ich einen Schritt. Die alten Holzbretter unter mir knarzten. Es war das Schlafzimmer. In dem Raum waren alte Fotos und Schriftzeichen. Hatte ich etwas übersehen? Nein, das konnte nicht sein. An der rechten Seite des Raumes konnte ich einen Schrank entdecken. Er war leer. War aber auch zu erwarten. Nur noch ein altes Buch stand darin. Es war verstaubt. Der Einband war mit Gold verziert. Ich schmunzelte. Der Schrank war edel. Er war aus Birkenholz und an den Seiten waren Muster eingeritzt. Ich schloss ihn wieder. Der modrige Geruch brannte in meinen Lungen. Ich trat zum Fenster. Meine Hand legte sich um den Griff des Fensters. Langsam drehte ich ihn um und öffnete das Fenster. Ich schnappte nach Luft. Frischer Luft.

Illustration:
Tiemo Wydler

Mein Blick schweifte über die Landschaft. Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. Hier war ich früher stundenlang gesessen und hatte die Vögel beobachtet, die so schwungvoll über den Himmel flogen. Nach einem tiefen Atemzug schloss ich das Fenster wieder. Ich musste, denn ich hatte nicht mehr lange Zeit. Schon bald würden Arbeiter kommen und den letzten Teil des Hauses räumen. Mein Blick schweifte ein letztes Mal über das Zimmer und blieb am Nachttisch hängen. Hoffnung breitete sich aus. Vielleicht war es dort. Ich rannte hin, zog die Schublade auf und schaute hinein. Ein quadratischer Gegenstand lag darin. Zögerlich hob ich den Gegenstand auf. Als ich ihn umdrehte, strömte Glück durch meinen Körper. Ich hatte ihn gefunden. Den Bilderrahmen meiner Oma. Verträumt starrte ich auf das Bild. Meine Oma hielt mich im Arm. In ihren hellbraunen Augen spiegelte sich Freude wider. Eine Träne fiel auf das Bild und wischte den Staub weg. Endlich hatte ich sie wieder ein bisschen bei mir, meine Oma. Meine geliebte Oma, die nur noch im Herzen existierte.