Klub der jungen Dichter
Gewissen

Enya Witzig aus Ennetbürgen schreibt im Klub der jungen Dichter über einen tragischen Vorfall in einem verlotterten Haus. Ein Mädchen ist verzweifelt.

Enya Witzig, Ennetbürgen, 2. Oberstufe
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Enya Witzig, Ennetbürgen.

Enya Witzig, Ennetbürgen.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Langsam trat ich ein, die Dielen quietschten unter meinen Schuhen, ein modriger Geruch hing in der Luft. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an das schummrige Dämmerlicht zu gewöhnen. Meine Nase brannte und ein Niesen entfuhr mir. Vorsichtig ging ich weiter in die dunkle und verlassene Wohnung. Alles war dreckig, die dichte Staubschicht liess vermuten, dass sie schon lange leer stand. Ich bog um die Ecke und blieb erschrocken stehen. Ein panischer Schrei bannte sich in meiner Kehle an und brach aus mir heraus. Bestürzt wich ich zurück, mein Herz polterte in meiner Brust, mein Atem ging hastig und unregelmässig. Ich rannte den Weg zurück, den ich gekommen war, stürzte zur Haustür und wollte sie aufreissen, doch sie klemmte. Ich zog und stemmte, doch sie gab nicht nach. Zitternd lehnte ich mich gegen sie, das kalte und unnachgiebige Holz bohrte sich in meinen Rücken. Am ganzen Körper schlotternd holte ich wiederholt tief Luft.

Das konnte nicht sein, niemand konnte davon wissen. Bestimmt ein dummer Scherz, redete ich mir gut ein, doch ich wusste, es war kein Zufall. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schlich an der Wand entlang zurück. Ich linste um die Ecke. Es war noch da. Ein Winseln entfuhr mir: Dort, an der Wand, hing ein grosser Spiegel. Und auf seine glasklare Fläche war mir rotem, verlaufenem Stift nur ein Wort geschrieben: «Mörderin». Das war alles. Zögerlich näherte ich mich ihm. Von dem Spiegel stieg ein metallischer, durchdringender Geruch auf. Er kam von der Schrift. Mir wurde schwarz vor Augen, der Magen drehte sich mir um und ich erbrach mich in die Ecke. «Ich wollte es nicht», weinte ich, die Tränen flossen und wollten nicht aufhören. «Es war ein Unfall!» Ich vergrub mein Gesicht in den Händen, da hörte ich, wie die Haustür aufgeschlossen wurde.

Illustration:
Tiemo Wydler

Jede Zelle meines Körpers erstarrte, meine Atmung setzte aus. Ich hörte, wie die Dielen unter einem schweren Gewicht nachgaben. Es kam näher und näher. Dann stoppte es. Nur der Wind war zu hören, wie er draussen gegen die Fenster brandete, die Fensterläden klapperten. Ich hatte die Augen panisch aufgerissen. ER war es. Sein glattes Gesicht und die markanten Gesichtszüge waren unverkennbar. Ebenso das Messer, das tief in seiner Brust steckte und aus deren Wunde Unmengen von Blut strömte. Es besudelte den Boden, floss zu mir wie eine unaufhaltsame Welle, kroch an mir empor, drang mir in Nase und Mund. Mein Aufschrei verging, ich hustete, doch keine Luft erleichterte mir das atmen. Roter Nebel umtanzte mich, plötzlich sah ich, wie er sich zu mir herunterbeugte. Seine sturmgrauen Augen nahmen mich gefangen, hilflos war ich ihm ausgeliefert. Er nahm meine Hand und schloss sie um das Messer, ein ruckartiger Zug, dann war es draussen. Langsam drehte er die Schneide, nun zeigte es mit der Spitze auf mich. Ich wollte mich wehren, ihn von mir wegstossen und wegrennen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Die Klinge ritze mir die Brust auf, frisches Blut sprudelte hervor. Der Schmerz zog gleissend durch meinen Körper, als ich es mir ins Herz stiess.

Die Zeitung berichtet über einen tragischen Todesfall. Ein junges Mädchen brach in ein leerstehendes Haus ein und nahm sich das Leben.

Der Vorfall ereignete sich um 14.23. Ein Mann aus der Nachbarschaft hatte die geöffnete Tür gesehen und das Mädchen gefunden, als sie sich das Messer in die Brust rammte. Er versuchte, Erste Hilfe zu leisten, doch vergebens. Sie erlag vor Ort ihren Verletzungen. Ihre Identität ist bisher unbekannt.