Klub der jungen Dichter
Ihre dunkelbraunen Augen

Jana Ruesch aus Schüpfheim schreibt im Klub der jungen Dichter über ein sonderbares Erlebnis. Ist es bloss Traum oder Realität?

Jana Ruesch, Schüpfheim, 2. Sek
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Jana Ruesch, Schüpfheim.

Jana Ruesch, Schüpfheim.

Auf der Waldlichtung entdeckte ich ein Eichhörnchen, das ein T-Shirt anhatte. «Siehst du das?!?», fragte ich meinen Bruder. Aber der war plötzlich verschwunden.

«Timo?», rufe ich aufgeregt. Ich schaue mich nervös um. Er ist weg. «Was mach ich jetzt nur?», frage ich mich selbst verzweifelt. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, und mein Bruder ist auch weg. Ich könnte weinen. Ich weiss nicht einmal, wie ich hierhergekommen bin. Es ist alles friedlich auf dieser Lichtung. Fast zu friedlich. Ich sinke neben einer grossen Eiche zu Boden und hole mein Handy raus. Aus Versehen schalte ich die Kamera ein und sehe auf dem Bildschirm etwas Erschreckendes: Ich schaue in die Augen eines schönen, schwarzhaarigen Mädchens mit dunkelbraunen Augen und einer Narbe über der linken Augenbraue. Was daran erschreckend ist? Ich habe grüne Augen. Meine ganze Familie hat grüne Augen.

«Japp, ich bin komplett durchgedreht», denke ich. Viel zu viele Gedanken schiessen mir durch den Kopf. Wie lange bin ich in dem Körper von jemand anderem herumgelaufen, ohne es zu merken? Wer bin ich überhaupt? Was mache ich hier mitten im Wald allein? Wo ist mein Bruder? Alle meine Gedanken werden von einem lauten Knall unterbrochen. Darauf folgt noch einer und noch einer. Irgendwo in meiner Nähe wird geschossen. Ich beginne zu rennen und versuche, mich hinter Bäumen zu verstecken. Angst breitet sich in mir aus, und mein Herz schlägt wie verrückt. Ich höre einen letzten Schuss ganz nahe bei mir. Kurz darauf breitet sich ein stechender Schmerz in meiner Brust aus. Ich sacke zu Boden, und überall ist Blut. Alles dreht sich, und langsam, aber sicher wird mir schwarz vor Augen. Ich gebe mein Bestes, um bei Bewusstsein zu bleiben. Vergeblich.

Ich fühle mich seltsam leicht, sorglos, frei von allem Schlechten. Es fühlt sich an, als würde ich schweben. Ich will nie wieder hier weg. Es ist so schön friedlich hier. Fast zu friedlich.

Dieses schöne Gefühl hält nicht lange an. Ich höre ein hohes Piepen. Es ist mein Wecker. Ich bin in meinem vertrauten Zimmer. Um sicherzustellen, dass dieser Albtraum vorüber ist, schaue ich in den Spiegel über meinem Pult. Erleichtert stelle ich fest, dass ich wieder ich bin. Es hat sich alles verdächtig echt angefühlt. «Es war bestimmt ein Traum», versuche ich mir einzureden, aber irgendetwas sagt mir das Gegenteil.

An dem Morgen und dem ganzen Tag ist nichts auch nur halb so Spannendes passiert. Abgesehen von den 13 Blicken in den Spiegel, um zu überprüfen, dass ich auch wirklich ich bin, war es eigentlich ziemlich der langweiligste Tag meines Lebens.

Der nächste Tag war das komplette Gegenteil. Am Frühstückstisch, während ich mein Nutellabrot kaute, las meine Mutter die Schlagzeile der Zeitung laut vor: «14-Jährige in einem Wald erschossen – das junge Mädchen wurde noch nicht identifiziert». Ich habe mich fast an meinem Brotrand verschluckt, als ich das gehört habe. «Darf ich mal die Zeitung?», frage ich meine Mutter. «Ja klar, seit wann interessierst du dich für so was?» Ich ignoriere sie, denn ich interessiere mich nur für die Titelseite. Ich drehe die Zeitung um, und meine Vermutung hat sich bestätigt. Ich schaue in ihre dunkelbraunen Augen.

Illustration:
Tiemo Wydler

An dem Morgen und dem ganzen Tag ist nichts auch nur halb so Spannendes passiert. Abgesehen von den 13 Blicken in den Spiegel, um zu überprüfen, dass ich auch wirklich ich bin, war es eigentlich ziemlich der langweiligste Tag meines Lebens.

Der nächste Tag war das komplette Gegenteil. Am Frühstückstisch, während ich mein Nutellabrot kaute, las meine Mutter die Schlagzeile der Zeitung laut vor «14-Jährige in einem Wald erschossen- das junge Mädchen wurde noch nicht identifiziert» ich habe mich fast an meinem Brotrand verschluckt, als ich das gehört habe. « Darf ich mal die Zeitung? » Frage ich meine Mutter. « Ja klar, seit wann interessierst du dich für sowas?» Ich ignoriere sie, denn ich interessiere mich nur für die Titelseite. Ich drehe die Zeitung um und meine Vermutung hat sich bestätigt. Ich schaue in ihre dunkelbraunen Augen.