Klub der jungen Dichter
Der Bienenstich

Helena von Wyl aus Alpnach schreibt im Klub der jungen Dichter über einen wundersamen Museumsbesuch. Das Gemälde eines Königs sorgt für ein spannendes Abenteuer.

Helena von Wyl, Alpnach, 2. Sek.
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Helena von Wyl, Alpnach.

Helena von Wyl, Alpnach.

Es war schon mutig, ausgerechnet mit unserer Klasse die Museumsführung zu besuchen. Aber was dann geschah, hätte wohl niemand gedacht.

Kunstmuseum Luzern. Maske auf, Ticket erhalten, anstehen. Endlich öffnet sich die Tür zum Museum. Schnell verwandelt sich die Vorfreude in Enttäuschung. Keine moderne Kunst, sondern Dutzende uralte Gemälde von Schlachten, Burgen und runzligen Männern erwarten uns. Nur Mona freut sich. Sie marschiert voran und langweilt meine Freundin Chantal und mich mit ihren endlosen Vorträgen zu jedem einzelnen Bild. Plötzlich hört Mona auf zu reden und läuft zu dem hübschen Museumsmitarbeiter, welcher vor einem mächtigen Gemälde steht und dieses bewacht. «Weshalb bewachen Sie dieses Bild?», fragt Mona. Der Mann erklärt: «Sie betrachten ein sehr wertvolles Porträt von König Gustav dem VII. an seinem Todestag.» Das Gemälde zeigt einen kranken Mann im Bett mit gerötetem, aufgeschwollenem Gesicht. Sie erfahren, dass das Gemälde in einem Keller gelagert wurde und heute zum ersten Mal ausgestellt wird.

«Was soll dieser kleine rote Fleck in der Bildmitte?», fragt Chantal. Gleichzeitig spaziert sie zum Bild, ignoriert dabei das grosse «Berühren strengstens verboten!»-Schild und streicht mit den Fingern über den roten Fleck. Chantal erschrickt. Ihr Finger fährt ohne Widerstand durch die Leinwand hindurch. Sie kreischt und ist überzeugt, mit dieser Berührung ein Loch in die Leinwand gedrückt zu haben. «Reg dich ab Chantal, das Bild ist unbeschädigt», erklärt Mona. «Das kann nicht sein!», jammert Chantal. «Mein Finger ging durch das Bild hindurch.» Auch der Museumsmitarbeiter geht näher und berührt das Gemälde. Wie von einem Magneten angezogen, zieht es ihn durch das Bild hindurch. Ohne lange zu überlegen, gehe ich zum Bild, fasse es an und verschwinde ebenfalls, gefolgt von der kreischenden Chantal und der neugierigen Mona.

Illustration:
Tiemo Wydler

Zu viert stehen wir nun in einem steinigen Flur eines alten Gebäudes. Hinter uns sehen wir dasselbe Bild, welches wir im Museum betrachtet und berührt hatten. Ich kam als Erste wieder zu Wort: «Wo sind wir?» Alle schütteln unwissend den Kopf. Plötzlich hören wir Schritte. Der Museumsmitarbeiter zieht uns in eine Kammer und schliesst die Tür. Wir halten den Atem an und lauschen. Durchs Schlüsselloch sehe ich eine weinende Frau direkt auf uns zukommen. In Panik verstecke ich mich hinter Chantal und genau in diesem Moment öffnet sich die Tür. Die Frau schaut uns erschrocken an und bevor sie etwas sagen kann, fragt Chantal: «Warum weinen Sie?» Ohne ihr Dasein zu hinterfragen, erklärt diese schluchzend: «Unser König wurde auf seinem Spaziergang im Schlosshof von einer Biene gestochen. Nun liegt er mit geschwollenem Gesicht im Bett und kann kaum atmen.» Die Frau zögert: «Aber, wer seid ihr eigentlich?» «Nicht wichtig», sagt Mona gestresst und fragt: «Zeigt das Bild im Flur den König?» «Ja», antwortet die Fremde. «Das Gemälde wurde soeben fertiggestellt und soll als Erinnerung dienen, falls unser Gustav das nicht überlebt.»

Mona umarmt die weinende Frau und sagt beruhigend: «Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kenne das Problem. Gustav reagiert wie ich auch allergisch auf Bienenstiche.» Grinsend zieht Mona eine Packung Antiallergietabletten aus ihrer Tasche. Sie gibt der Frau die Tabletten: «Geben Sie Gustav eine von denen und morgen wird er wieder gesund sein.» Die Frau bedankt sich mit einem kleinen Knick und rennt los. Wenig später kommt sie zurück und teilt uns mit, dass es dem König bereits besser gehe. «Das freut uns sehr», sage ich. «Aber nun müssen wir zurück, sonst kriegen wir Ärger mit unserer Lehrerin.» Wir betreten den Flur und schreiten durch das Bild hindurch wieder ins Museum. Nachdenklich betrachten wir das eigenartige Bild. König Gustav sieht auf dem Gemälde nun plötzlich sehr gesund und munter aus.

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