Klub der jungen Dichter
Rang 3 Kategorie Primar: Mein erster Tag in meinem neuen Leben

Zoé Stupala aus Hünenberg schreibt im Klub der jungen Dichter über die mysteriöse Begegnung mit einer Grossmutter. Diese ist umgeben von wunderlichen Gnomen.

Zoé Stupala, Hünenberg See, 5. Primar
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Zoé Stupala, Hünenberg.

Zoé Stupala, Hünenberg.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Mein kleiner Bruder Charly bekam Angst. Ich sagte ihm, alles würde gut gehen, doch das war nicht ganz so. Ich heisse Emilia, ich bin sieben Jahre alt. Ich habe einen kleinen Bruder, er ist drei Jahre alt und heisst Charly. Unsere Eltern sind verschwunden. Man sagt, sie wären tot.

Aber gehen wir zurück zu diesem Haus. Wir mussten zu meiner Grossmutter. Ich kannte sie nicht, und diese Grusel-Villa gehörte ihr. Als ich die Tür aufmachte, erschrak ich nicht wirklich. Es war schön und gemütlich. Die Farben waren dunkel, nicht gerade ideal. Mein Bruder fing an zu weinen. Ich setzte mich auf das Sofa, nahm ihn auf meinen Schoss und umarmte ihn. Plötzlich ging irgendeine Tür auf, ich erschrak. Eine Frau mit Bademantel, Badetuch auf dem Kopf und Gesichtsmaske erschien. Sie sagte: «Hallihallo, Kinder!» Mein Bruder versteckte sich in meinen Armen. «Oh, là, là», sagte die Frau mit einem französischen Akzent. Sie fragte: «Habt ihr etwa Angst vor eurer eigenen Grossmutter?» Zitternd sagte ich: «Nein!» Mein Bruder war fast in meinen Armen verschwunden.

Unsere sogenannte Grossmutter hiess Esmeralda, und wir mussten sie genau so nennen. Sie brachte uns in unser Zimmer. Es war recht schön dort. Es stand ein altmodisches Bett neben dem Fenster. Die Bettdecke war sehr weich. Es gab viele Kissen auf dem Bett. Die Dekoration sah schön und alt aus. Unsere Grossmutter wollte gerade aus der Tür gehen. Da drehte sie sich um und sagte: «Richtet euch ein. Wenn die Glocke klingelt, dann kommt ihr ordentlich gekleidet zum Tisch.» Wir antworteten nur mit einem Nicken. Ich räumte meine Sachen in den Schrank, danach half ich meinem Bruder. Ich fand an der Tür recht schicke Kleider und zog sie mir an. Dann half ich meinem Bruder, sich anzuziehen. Dann betrachteten wir unsere Kleidung einen Augenblick im altmodischen Spiegel, der anscheinend Alambas hiess. Es waren altmodische Kleider, aber sie sahen irgendwie neu aus. Meine waren rot mit ganz vielen Schichten und Schlaufen. Mein Bruder hatte einen altmodischen Smoking an. Er probierte noch den Hut aus, doch er war zu gross und plumpste ihm auf die Augen. Da lachten wir beide, es fühlte sich komisch an.

Illustration:
Tiemo Wydler

Es war das erste Mal nach dem mysteriösen Tod unserer Eltern, dass wir lachten. Plötzlich bebte das ganze Haus. Mein Bruder erschrak und fing an zu weinen. Plötzlich kamen kleine Wesen und rannten um uns herum und schrien: «Hallihallo, schneller, hallihallo, stressen!» Das überforderte meinen Bruder, und er weinte noch mehr. Ich wurde wütend, nahm meinen Bruder auf den Arm und ging in den Speisesaal. Ich überreichte ihm sein Lieblingskuscheltier und setzte ihn auf einen Stuhl. Dann ging ich an den Rand vom Tisch und schrie Esmeralda an. Ich schrie: «Haben sie den Verstand verloren? Mein Bruder ist noch klein und Sie, Sie Schweinebraten, Sie lassen einfach Ihre Villa beben und dazu noch kleine Gnomen überall herumspringen.»

Die Grossmutter sagte: «Jesses Marienkäfer, diese Gnomen heissen: Wudeli, Schnudeli, Nudeli, Ligeli und Fritzeli! Ich hatte euch ja gewarnt, dass ich eine Glocke klingeln würde.» Ich antwortete: «Bitte, das soll eine Glocke sein? Das ganze Haus hat gebebt!» Esmeralda gab ein Zeichen dafür, dass wir essen konnten. Das Essen war lecker, doch ich war immer noch sauer auf sie. Danach brachte uns die Grossmutter in unser Zimmer. Wir gingen zu unserem Bett. Mein Bruder kuschelte sich in meine Arme und schlief mit mir ein.