Klub der jungen Dichter
Rang 1 Kategorie Primar: Morgenstund hat Schreck im Mund

Lena Stöckli aus Menznau schreibt im Klub der jungen Dichter über ein Mädchen, das in einem Haus Seltsames erlebt. Gab es einen Mord oder ist alles nur ein Traum?

Lena Stöckli, Menznau, 6. Klasse
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Lena Stöckli, Menznau.

Lena Stöckli, Menznau.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich stiess gegen die Tür, sie war unverschlossen ...

Ich zögerte einen Moment und sah mich noch einmal gut in der Gegend um. Eigentlich konnte ich sowieso fast nichts mehr erkennen, immerhin war es ja auch schon halb zwei in der Nacht. Die Strassenlaternen waren längst erloschen, und das schwache Licht meiner Handytaschenlampe kämpfte tapfer gegen die schleichenden Nebelschwaden. «Hallo.» Ich erschrak. Auf dem Trottoir ging ein älterer Mann vorbei. Vor Schreck vergass ich beinahe zu antworten. «Hallo», sagte ich. Was der Mann wohl noch so spät hier wollte? Mir war kalt, was die Angst in mir noch verschlimmerte.

Weshalb ich hier war? Vor einer halben Stunde hatte ich einen Anruf erhalten, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Der Anrufer war anonym und forderte mich auf, sofort hier herzukommen. Eigentlich wollte ich das auf keinen Fall tun. Schliesslich wusste ich ja nicht, wer der Anrufer war und ob es nur ein schlechter Scherz sein sollte. Aber das Ganze hat mich dann doch neugierig gemacht. Ja, und nun stand ich hier.

Ich starrte gegen das kleine Fenster links neben der Tür. In der milchigen Scheibe sah ich mein Spiegelbild: ein Mädchen mit grünen Augen, ca. 15-jährig, 1,65 m gross, mit schulterlangen braunen Haaren und schlankem Gesicht. «Reiss dich zusammen Ameli», sagte ich zu mir, um mich selber zu ermutigen. Ich atmete tief durch. Jetzt, ich stiess die Tür ganz auf. Sie knarrte, und mir strömte ein muffeliger Duft in die Nase. Ich trat über die Türschwelle und stand in einem stockdunklen Raum. Mit meiner Handytaschenlampe leuchtete ich in alle Ecken. Ich befand mich in einer riesigen Eingangshalle. Es war staubig, aber im ganzen Raum befand sich kein Gegenstand. «Hallo ... haaalllloooohh», ein Echo hallte durchs Haus. Im nächsten Augenblick stach mir ein gellender Frauenschrei ins Ohr. Schnell rannte ich die grosse Treppe hinauf, die im Norden der Eingangshalle lag. Ein langer Flur breitete sich vor mir aus, der nach links sowie auch nach rechts führte. Doch ich konnte Geräusche von rechts erkennen. Da, im dritten Zimmer lag eine Frau am Boden. War sie etwa tot? Oh ja, das war sie! Erst jetzt entdeckte ich das blutige Messer, das mitten in ihrem Herzen steckte. «Oh, mein Gott», schrie ich. Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Illustration:
Tiemo Wydler

Wo war der Mörder der Frau? War er etwa immer noch im Haus? Wieso spazierte ein Mann noch um diese Uhrzeit an ausgerechnet diesem Haus vorbei? Waren sie etwa Komplizen? Wollte man mich in die Sache mit reinziehen, um danach mir die Schuld in die Schuhe zu schieben? Das war zu viel für mich. Ich liess alles hinter mir und rannte, so schnell ich konnte …

«Ameli, aufwachen, du musst zur Schule.» Schweissgebadet richtete ich mich kerzengerade im Bett auf. «Uffffh, ich muss echt aufhören, mir Horrorfilme anzugucken! Was für ein schrecklicher Traum!» Ich schaltete das Radio an, um mich auf andere Gedanken zu bringen.

Der Radiomoderator war gerade dabei, die Morgennews zu verbreiten: «Gestern Nacht um ca. 01.40 Uhr wurde in einem abgelegenen Haus eine junge Frau erstochen. Das Motiv ist zunächst noch unbekannt. Verdächtigt wird ein ca. 15-jähriges Mädchen mit braunen schulterlangen Haaren, das ca. 1,65 m gross ist und das noch gestern Nacht vor dem Haus von einem älteren Mann gesehen wurde. Wir bitten um Mithilfe der Bevölkerung, um das Mädchen möglichst bald zu fassen ...»