Klub der jungen Dichter
Der ewige Apfelbaum

Saskia Christen aus Stans schreibt im «Klub der jungen Dichter» über ein Mädchen und seine Grossmutter. Und der Schluss überrascht und berührt ganz besonders.

Saskia Christen, Ennetbürgen, 3. Oberstufe
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Saskia Christen, Stans.

Saskia Christen, Stans.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Das war bei Oma normal. Sie hatte immer eine offene Tür für alle. Im Haus war nicht so viel freier Platz, da überall alte Gegenstände herumstanden. Opa war schliesslich ein leidenschaftlicher Sammler. Oma wollte die Sammelstücke nicht wegwerfen oder verkaufen, da sie sich bereits daran gewöhnt hatte, diese regelmässig abzustauben. Ausserdem steckten in jedem Gegenstand Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann.

Langsam ging ich den Hausflur entlang und versank in meinen Gedanken. In der Küche hörte ich meine Oma fröhlich singen. Sie war mit ihrer Lieblingstätigkeit beschäftigt. Ich blieb im Türrahmen stehen und beobachtete sie. Schon als kleines Kind liebte ich es, ihr beim Backen und Kochen zuzusehen und heimlich zu naschen. Sie war eine leidenschaftliche Hobbybäckerin und verwöhnte uns mit den leckersten Kuchen und Plätzchen. Seit Opas Tod hatte ich sie nicht mehr so glücklich singen und backen gesehen wie heute.

Nach einer Weile ging ich raus auf die Terrasse und setzte mich in Opas gemütlichen Schaukelstuhl, in dem er vor fünf Jahren friedlich für immer eingeschlafen war. Dort sitzend und schaukelnd schweifte mein Blick durch den Garten. Er sah verwachsen und verwuchert aus. Seit Opa nicht mehr da war, hatte sich niemand mehr um den Garten gekümmert. Nur der alte Apfelbaum stand noch in seiner vollen Pracht mittendrin. Jedes Jahr pflückte Opa kistenweise saftige, rote Äpfel vom Baum. Ich wusste noch genau, wie ich das erste Mal auf die hohe Leiter steigen und beim Pflücken der Äpfel helfen durfte. Aus den Äpfeln pressten wir köstlichen Apfelsaft und Oma kochte Apfelmus für die ganze Familie.

Illustration: Tiemo Wydler.

Illustration: Tiemo Wydler.

Als Kind verbrachte ich meine Ferien lieber bei Oma und Opa, als mit meinen Eltern ans Meer zu fahren. Das Erkunden des alten Hauses und des grossen Gartens war für mich jeweils ein Erlebnis. Opa liess sich für mich immer ein neues Abenteuer einfallen. Das allerschönste war jedoch, wenn wir alle zusammen unter dem grossen Apfelbaum ein Picknick machten. Dazu gab es immer den leckeren Apfelkuchen von Oma und ein frisches Glas Apfelsaft.

Ich erhob mich aus dem Schaukelstuhl, ging zum Apfelbaum, pflückte einen Apfel und biss hinein. In der Ferne hörte ich die Kirchenglocken läuten. Dieses Geräusch holte mich erbarmungslos aus meinen Gedanken zurück. Es war an der Zeit zu gehen. Die Beerdigung von Oma stand an.

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