Klub der jungen Dichter
Real oder surreal?

Alisha Behm aus Andermatt schreibt im Klub der jungen Dichter über die Begegnung mit einem Jungen mit katzengrünen Augen. Was hat es damit auf sich?

Alisha Behm, Andermatt, 3. Oberstufe
Drucken
Alisha Behm, Andermatt.

Alisha Behm, Andermatt.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. Ich trat ein. Die alte Holztüre quietschte. Als ich über die Türschwelle trat, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Das dunkle Laminat knirschte unter meinen alten Chucks, deren dunkelblaue Farbe mit Schmutz übersät war. Ich lief den dunklen Gang entlang und berührte dabei mit meinen Fingerspitzen die alte Kommode, das Holz fühlte sich kalt an, und eine kaum merkliche Staubschicht lag auf meinen Fingern. Die herbstliche Abendsonne schien durch das alte Fenster, das voll mit Schmutz bedeckt war, und füllte den Raum mit einem schwachen kalten Licht. Ich pustete die dünne Staubschicht von meinen Fingern, weswegen der Staub nun in der Luft tanzte.

Mein Blick fiel auf eine kleine Tür. Die eisige Türklinke liess sich mit einem knarzenden Geräusch hinunterdrücken, und die alten Türangeln quietschten, als sich die Tür bewegte. Das staubige Laminat war etwas rutschig unter meinen alten Chucks. Ich betrachtete die Spinnenweben, die im ganzen Raum verteilt waren, nur um zu schauen, dass auch sicher keine Spinne mehr herumkriecht, bis ich plötzlich mit meiner Hüfte gegen etwas Hartes stiess. Der übergrosse schwarze Hoodie, den ich trug, blieb an einem rostigen Nagel hängen, der an einem dunkelfarbigen Pult befestigt war. Meine Finger bewegten sich automatisch, um mich zu befreien. Ich spürte einen stechenden Schmerz in meinem Finger. Ich stiess einen leisen Schrei aus. Als ich meine Hand hob, tropfte die warme, rötliche Flüssigkeit auf das alte Pult. Ich beobachtete, wie mein Blut sich mit der Staubschicht langsam vermischte. Plötzlich war das bekannte Geräusch des quietschenden Laminats zu hören. Mein Kopf schnellte in Richtung Zimmertür, dabei fiel mir eine meiner silbern gefärbten Haarsträhnen ins Gesicht. Meine Augen wurden gross, als ich Schritte hörte.

Ich versteckte mich, so schnell ich konnte, unter dem alten schwarzen Pult. Ich hatte Angst, solch eine Angst, dass ich befürchtete, man könnte meinen viel zu hohen Puls hören. Mein Herz pochte in meiner Brust. Ich zog scharf die Luft ein, als ich hörte, wie jemand die unüberhörbare Türschwelle betrat. Mein schon zu schneller Herzschlag hämmerte noch schneller, falls das überhaupt noch möglich war. Eine tiefe Stimme erfüllte den Raum: «Hallo, ist hier jemand?» Ich drückte mich noch näher an die staubige Pultwand, in der Hoffnung, der Unbekannte würde wieder gehen. Ich sah mir das Holz genauer an, während ich wartete, und stütze meinen Kopf an der Wand ab und schloss die Augen, welche ich sofort wieder öffnete, als ich einen warmen Luftzug in meinem Nacken spürte. Mein Herz raste, und ich traute mich nicht, mich umzudrehen. Ich zuckte zusammen, als ich die unbekannte Stimme erneut hörte: «Hey, geht’s dir gut?», fragte er. Ich nahm meinen Mut zusammen und drehte langsam meinen Kopf. Da sass er, ein Junge. Ich musterte sein Gesicht. Er hatte etwas längeres dunkelbraunes Haar, welches er gut gestylt in einem Mittelscheitel trug. Sommersprossen tanzten durch sein Gesicht, welche seine schmale Nase und die Wangenknochen noch mehr zum Vorschein brachten. Ein kleines silbernes Piercing schmückte seine Unterlippe, die etwas schmaler war als die obere. Zuletzt schaute ich in seine katzengrünen Augen. Als ich bemerkte, dass er mich auch genau musterte, spürte ich, wie meine Wangen heiss wurden und die Farbe Rot annahmen. «Uhhmmm…. j-jaa mir ge-geht’s gut… und dir?» Ich schluckte. Mein Gegenüber grinste nur noch: «Auch super, aber was machst du denn hier im Haus meines Urgrossvaters?» Gute Frage, dachte ich mir, was ich natürlich nicht aussprach. Die grünen Augen musterten mich ernst. «Ehhhm ja, das Haus hat spannend ausgesehen, und ich mag alte Häuser», sagte ich überzeugt von mir selber, weil ich es geschafft hatte, nicht zu stottern, was anscheinend auch mein Gegenüber bemerkte. «Du kannst reden, ohne zu stottern?» Sein tiefes Lachen hallte im kalten Raum, bis er ganz plötzlich abrupt aufhörte: «Emely, ich weiss, dass du viele Fragen haben wirst, aber…» Weiter kam er nicht.

Er wurde unterbrochen durch die Stimme meiner Mutter. Helles Licht drang auf meine Augen, und meine Nase kräuselte sich. Langsam öffnete ich meine Augen. «Schatz, du kommst zu spät zur Schule!», sagte meine Mutter etwas lauter. Was? Wo? Wer? Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. Bilder von der letzten Nacht schossen mir durch den Kopf, ebenso der Junge. Was er zu mir sagte. Mein Blick fiel sofort auf meine Finger, aber da war nichts. Als die Stimme meiner Mutter nochmals ertönte, zog ich mich ziemlich schnell an, wusch mein Gesicht und bürstete meine Haare. Zum Frühstücken hatte ich keine Zeit mehr, sonst würde ich den Bus verpassen. Ich gab meiner Mutter zum Abschied noch einen Kuss und zog meine alten Chucks an. Ich schulterte meinen Rucksack und stöpselte noch meine Kopfhörer in mein Handy, welches einen zersprungenen Bildschirm hatte.

Illustration:
Tiemo Wydler

Erst als ich einen kurzen Blick in den grossen silbernen Standspiegel warf, fiel mir auf, dass ich dasselbe trug wie in meinem Traum. Ich öffnete die weisse Haustür, und die kalte Morgenluft kam mir entgegen. Ein eisiger Luftzug zerrte an meinen Haaren, welche jetzt wieder unordentlich auf meinem Kopf sassen. Ich lief die kleine enge Gasse entlang. Farbige Herbstblätter lagen auf dem Weg. Ich hatte Glück, denn der Bus war noch da. Ich bin ein sehr unpünktlicher Mensch; auch wenn die Bushaltestelle sehr nahe bei meinem Haus ist, verpasse ich den Bus ständig. Langsam stieg ich in den vollen Bus hinein und setzte mich auf einen der blauen stoffigen Sitze an einem leeren Fensterplatz. Ich steckte meine weissen Kopfhörer in meine Ohren und hörte etwas Musik. Es fing an zu regnen, und das Wasser prasselte die schmutzige Fensterscheibe hinunter. Mein Kopf drehte sich automatisch in die Richtung des leeren Sitzplatzes neben mir. Ich hätte besser nicht nachgeschaut, wer sich neben mich setzte, denn wen ich da sah, brachte mich ins Schwitzen.