«Klub der jungen Dichter»

Tot oder nicht tot, das ist hier die Frage

Aurora Bonamassa erzählt im «Klub der jungen Dichter» von einer buchstäblich tierischen Beobachtungsgabe.

Aurora Bonamassa, Steinhausen, 3. Sek
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Aurora Bonamassa, Steinhausen, 3. Sek

Aurora Bonamassa, Steinhausen, 3. Sek

Bild: PD

Als ich nach Hause kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Nein, ich war nicht unterwegs, ich komme lediglich von meinem Sonnenbad auf dem Balkon zurück, als mir ein völlig inakzeptabler Geruch in meine Nase steigt. Ach, entschuldigt bitte, ich bin die Hauskatze Simba und Erzählerin dieser Geschichte.

Zum Glück weiss ich, woher dieser beissende Gestank herkommt, nämlich aus dem Badezimmer. Und jetzt verrate ich euch etwas. Bei meinen Herrschaften regnet es aus der Wand. Ehrlich, die haben im Badezimmer eine sehr ­sonderbare Vorrichtung, die aus der Wand ragt, woraus es, wenn man an einer Schraube dreht, wie aus Eimern anfängt zu schütten. Spätestens jetzt würde doch jedes vernünftige Tier die Flucht ergreifen.

Aber nicht die Menschen, nein, die setzen sich diesem Wandgewitter auch noch splitternackt aus. Dazu benutzen sie irgendetwas, das sonderbar schäumt. Damit reiben sie sich dann von Kopf bis Fuss ein. Das wäre ja alles halb so schlimm, wenn dieser grauenhafte Gestank nicht wäre. Trotz allem komme ich dennoch auf meine Kosten, denn die Bilder, die ich dabei zu sehen bekomme, sind wirklich spektakulär. Warum ich das weiss? Nun, ich hole mir meine persönlichen Eindrücke gleich selbst hinter dem Vorhang, den sie extra dafür aufgehängt haben, damit ich spionieren kann. Obschon ich das alles sehr amüsant finde, bin ich überaus froh darüber, dass ich mir diese Prozedur ersparen kann. Warum? Na, ganz einfach, denn dieses unter dem Regen stehen muss höllische Schmerzen verursachen. Denn jedes Mal, wenn sich meine Mitbewohner diesem Unwetter aussetzen, geben sie ganz schreckliche Laute von sich.

Wer nun denkt, dass diese Folter zu Ende ist, der irrt. Fakt ist, dass meine Freunde nach dieser Tortur aber keineswegs besser aussehen als zuvor. Triefend nass stehen sie nun da und versuchen irgendwie, ihr Äusseres zu retten. Die Frisur von meinem Frauchen ist nicht wiederzuerkennen. Ihre Haare erinnern mich vielmehr an die Federpracht eines Fasans. Für das Aussehen von meinem Herrchen finde ich schon gar keine Worte mehr.

So, und jetzt kommt er, der kriminelle Teil meiner Geschichte. Ich habe ja gar nicht gewusst, dass meine Freunde eine Waffe besitzen. Jetzt seid ihr platt, nicht wahr? Meine Mitbewohner haben einen Revolver im Haus. Und das Schlimmste kommt erst noch! Mein Frauchen steht nun mit diesem Ding vor dem Badezimmerspiegel und zielt damit direkt auf ihren Kopf.

Nun, eigentlich kann ich ihren Gedankengang gut nachvollziehen, ich meine dies in Bezug auf ihre Frisur. Aber wer kommt denn wegen ein paar schlecht sitzender Haare gleich auf Selbstmordgedanken? Allem Anschein nach, mein liebes Frauchen. Ich werde diese Tat wohl kaum noch verhindern können und verziehe mich mit dem quälenden Gedanken, wer mir nach ihrem Ableben meine Futterdosen öffnet. Vielleicht sollte ich doch versuchen, mein Frauchen von dieser Tat abzuhalten! So renne ich also los, in Richtung Badezimmerspiegel, aber es ist zu spät! Mit meinem Eintreffen drückt sie den Abzug der Pistole und erschiesst sich eiskalt direkt vor meinen Augen. Traurig, aber wahr, jetzt muss ich wohl verhungern. Ach, ich mag gar nicht zum Tatort hinschauen. Der Anblick von Blut und Leichen sind für mich unerträglich!

Nun höre ich aber etwas, was mich zum Hinschauen zwingt. Was ich nun zu sehen bekomme, verschlägt mir beinahe das Maunzen. Mein Frauchen ist gar nicht tot, sondern versucht sich immer noch mit dieser komischen Pistole ins Jenseits zu befördern. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand betrachte ich ihren Todeskampf. Keine Ahnung, mit welcher Art von Waffe sich mein Frauchen da abkämpft, doch etwas Gutes hat dieses Ding. Es hat die einst so skurrile Fasanenfrau wieder zurück in meinen privaten Dosenöffner verwandelt. Das war wieder einmal viel heisse Luft um nichts.

Föhn sei Dank und tschüss!