Klub der jungen Dichter
Wahrheit oder Tat

Emma Predöhl aus Schindellegi schreibt im Klub der jungen Dichter über das Haus eines verstorbenen Mörders. Vier Freunde dringen dort ein ‒ und machen eine Entdeckung.

Emma Predöhl, Schindellegi, 2. Oberstufe
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Emme Predöhl, Schindellegi.

Emme Predöhl, Schindellegi.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen. «Und? Mach schon! Bist du etwa ein Weichei?», sagte ein Mädchen mit braunen Haaren und mandelförmigen Augen. Sie hiess Lea und ging mit mir in die achte Klasse. Es war Abend und wir hatten zu viert Wahrheit oder Tat gespielt. Als ich an die Reihe kam, hatte mich Lea aufgefordert, das alte Haus von einem verstorbenen Mörder zu betreten. Das fand ich für meinen Geschmack ein bisschen extrem und ich nahm die Tat nur an, wenn wir alle zusammen gehen würden. So stand ich hier zusammen mit drei anderen Menschen vor einem Haus, welches ich nicht betreten wollte.

Ich schluckte meine Angst hinunter und betrat das Haus. Mir war es gruselig zumute und ich glaubte, den anderen ging es genauso. Lea fand einen Lichtschalter und so konnten wir überhaupt etwas sehen. Das Licht war schwach, aber stark genug, um die Umgebung zu betrachten. Wir befanden uns in einem Wohnzimmer. Es gab einen kleinen Tisch und zwei Sofas. Beide waren schmutzig und alt. Ich schaute mich um und fand eine Treppe, die in den zweiten Stock führte. Piper, die mit uns mitgespielt hatte, stolperte über eine tote Ratte und gab ein leises Quietschen von sich. Plötzlich fuhren wir alle zusammen, als wir ein Rascheln hörten. Es kam von der Nähe eines eingeschlagenen Fensters.

«Ich glaube, das ist keine gute Idee. Wir sollten lieber verschwinden», flüsterte mir Max zu, der auch mit uns gespielt hatte. Doch ich wollte noch nicht gehen. Ich verliess das Wohnzimmer und betrat die Küche, die nebenan war. Währenddem ich in der Küche umherlief, huschte mir etwas über die Füsse. Langsam bekam ich doch ein wenig Angst. Über mir hörte ich Geräusche. «Leute», flüsterte ich und zeigte mit meinem Zeigefinger nach oben. Alle starrten mich an und ich konnte die Angst in ihren Augen sehen. Leise und langsam gingen wir zur Treppe. Immer noch hörte ich leise Geräusche von oben. Lea machte den ersten Schritt und unter ihr knarzten die Treppen. Zu viert begaben wir uns in den zweiten Stock. Im zweiten Stock gab es einen Flur.

Illustration:
Tiemo Wydler

Ein einziges Zimmer befand sich am Ende vom Flur und die Tür war zu. Ein Schweisstropfen kullerte meine Stirn hinunter. Keiner machte ein Geräusch. Wir alle wussten, dass sich etwas hinter der Tür befand, doch keiner wagte es, näher an die Tür heranzugehen. Nach einer Weile nahm ich all meinen Mut zusammen und ging als erste den Flur entlang. Als ich an der Tür ankam, legte ich meine Hand auf den Türgriff. Mein Herz hämmerte und meine Beine zitterten. Die anderen hatten sich mittlerweile auch zu mir gefunden. Hinter der Tür konnten wir Geräusche hören, die jedoch nicht erkennbar waren. Ich zählte leise auf drei und riss die Tür auf. Stille. Der Raum war stockdunkel. «Ich sehe nichts», flüsterte Piper.

Wir wollten schon wegrennen, als uns auf einmal zwei Augen aus der Dunkelheit anstarrten. Wir erschraken.

«Abhauen!» schrie Max und wollte gerade zu den Treppen laufen. Doch ich hielt ihn am Arm fest. «Schaut», sagte ich, ein Lächeln im Gesicht. «Das ist doch nur eine kleine schwarze Katze.» Alle schauten verblüfft auf eine Figur, die sich jetzt näherte. Tatsächlich, eine schwarze Katze. Auf einmal fingen wir alle an zu lachen. Das Haus eines verstorbenen Mörders, bewohnt von einer einzigen schwarzen Katze.