Klub der jungen Dichter
Waisenkinder

Svenja Egli aus Menznau schreibt im Klub der jungen Dichter über ein mysteriöses Haus, in dem drei Kinder leben. Was hat es mit ihnen auf sich?

Svenja Egli, Menznau, 3. Sek
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Svenja Egli, Menznau.

Svenja Egli, Menznau.

Das Haus sah verlottert aus, die Namen an den Klingelschildern waren unlesbar. Ich drückte gegen die Haustür, sie war unverschlossen und knarrte. Ich trat hinein…

Eingetrocknete Blutstropfen fand ich auf dem Boden. Am Ende des Gangs sah ich einen Schrank, bei dem die Tür hin und her schwankte. Das muss wohl der Wind sein, dachte ich mir. Es war trotz der sommerlichen Temperaturen kühl und ich fand es ganz schön unheimlich. Trotzdem wollte ich mich weiter umschauen. Als plötzlich ein Schrei ertönte, rannte ich raus und hielt nicht an, bis ich wieder am Strand angekommen bin. Ich war ausser Atem und kam mir wie in einem Horrorfilm vor. Das ist doch lächerlich, sagte ich zu mir und beschloss, gleich morgen nochmals hinzugehen. Bis spät in die Nacht lag ich wach mit dem Gedanken, dass dort vielleicht doch ein Geist lebt.

Jedes Jahr sind wir hier in den Ferien und jedes Jahr ist es gleich langweilig. Hier in der Gegend gibt es leider keine Kinder in meinem Alter. Ich ging oft auf eine Entdeckungstour, meine Eltern liegen eh nur am Strand herum und das ganze fünf Wochen. Jetzt ist endlich mal Action angesagt.

Zurück im mysteriösen Haus schaute ich mich in den Zimmern um. Ich übersah ein Loch und fiel in die Tiefe. Ich wollte aufstehen, aber der Schmerz stach in mein Bein hoch. Ich rief um Hilfe, aber hier war ja weit und breit niemand. Ich wusste nicht, wie lange ich schon in diesem dunklen Keller sass und ich hatte einen Bärenhunger. Als ich nochmals probierte aufzustehen, hörte ich Schritte. Sie kamen immer näher und auf einmal standen drei Jugendliche vor mir. Zwei Jungs wollten direkt wieder verschwinden, als sie mich sahen, aber das Mädchen sagte gelassen: «Jungs, sie ist verletzt, wir können sie nicht einfach hier liegen lassen. Ausserdem ist sie trotz des Schreis, der Blutstropfen und unseres mysteriösen Schranks nochmals gekommen. Sie ist also kein Angsthase, so wie ihr.»

Sie verbanden mir den Fuss und sahen auf einmal, wie die Polizei auf den Vorhof fuhr. «Verdammt, die Bullen sind hier, wir müssen verschwinden. Du hast uns nie gesehen, ist das klar?», wandte sich der eine Junge an mich. Und schon waren sie verschwunden.

Die Polizei sah und befragte mich dann gleich auch noch. Ich tat so, als wusste ich von nichts. Ich wollte nur einen Spaziergang machen und bin dann hier gelandet. Die Polizei erklärte mir, dass sie zwei Jungs und ein Mädchen suchen, die vor einem halben Jahr aus dem Waisenhaus, hier im Ort, ausgebrochen sind, weil sie Probleme mit der neuen Chefin haben.

Illustration:
Tiemo Wydler

Wie am Tag zuvor machte ich mich nochmal auf dem Weg zum alten Haus, in der Hoffnung, die Jugendlichen nochmals zu treffen. Ich hatte Glück. Sie erzählten mir auch alles über ihre traurigen Vergangenheiten.

Alle Kinder im Waisenhaus hatten es immer sehr gut untereinander. Auch zu den Betreuern und der alten Chefin Miss Marilla hatten sie ein sehr gutes Verhältnis. Dies änderte aber schlagartig, als Miss Marilla starb und die neue Chefin kam. Sie behandelt die Kinder wie Dreck und das wollten sich die drei Jugendlichen nicht mehr bieten lassen. Sie brachen aus dem Waisenhaus aus. Seitdem versorgen sie sich selbst. Sie werden zwar von der Polizei gesucht, aber kommen immer wieder davon.

Ich bot ihnen an, dass meine Familie sie sicher aufnehmen würde, aber dieses Angebot lehnten sie dankbar ab. Sie kämen auch allein zurecht. Seitdem wurden die Ferien nie mehr langweilig. Die drei Jugendlichen und ich schlichen abends durch die alten Gassen oder erkundeten alte verlotterte Häuser.