«Klub der jungen Dichter»

Siegertext Kategorie Primar: Saskia Ramminger aus Luzern mit «Lesen ist lebensgefährlich»

Saskia Ramminger, Luzern, schreibt im «Klub der jungen Dichter», wie man in ein Buch, das man gerade liest, hinein katapultiert werden kann.

Saskia Ramminger, Luzern, 6. Primar
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Saskia Ramminger, Luzern, 6. Primar

Saskia Ramminger, Luzern, 6. Primar

Die Nacht war kalt und stürmisch, als das Abenteuer begann. Eigentlich begann es damit, dass ich, Julia Jago, erwachte. Aber nicht etwa in meinem Bett, sondern in einer Bibliothek. Mitten in der Nacht. Wie kam ich hierher? Was machte ich hier? 1000 Fragen schwirrten mir durch den Kopf, während ich mich mühsam aufrichtete.

Draussen pfiff der Wind, und dennoch hörte ich Schritte. Ganz deutlich kamen sie näher. Instinktiv duckte ich mich hinter eine der massigen Bücherwände und schlotterte in meinem Schlafanzug. Vielleicht aber fror ich auch vor Angst vor einem Schurken, den ich erwartete. Aber stattdessen kam ein Junge um die Ecke. Er schien mein Alter zu haben und sah überhaupt nicht gefährlich aus. Nervös blickte er sich um. Sein Keuchen verriet, dass er gerannt sein musste. Zunächst blieb ich in meinem Versteck. Als ich sicher war, dass von ihm keine Gefahr ausging, tauchte ich hinter den Büchern auf. Der Junge wurde kreidebleich und wich entsetzt zurück. «Bist du auch eine von denen?», stammelte er. «Nee, ich bin Julia. Und wer bist du?» «Justus» keuchte er. Ich lachte «Justus? So wie Justus Jonas aus den ‹Drei ???›?»

«Genau, der bin ich.» Und weil ich ihn dermassen ungläubig anstarrte, erklärte er mir, dass man in ein Buch hineinkatapultiert werden kann, wenn man beim Lesen einschläft. «In irgendein Buch?», fragte ich ungläubig. «Nein, in das Buch natürlich, das du gerade liest, an irgendeine Stelle.» Ich war platt und hakte nach: «Wenn ich bei einem Buch über das Mittelalter einschlafe, erwache ich auf dem Scheiterhaufen?» «Wenn du Glück hast.» – «Glück?» Ich starrte ihn an. «Na die wenigsten erwachen da wieder, oder?»

Gruselige Vorstellung. Ich wollte noch vieles fragen, aber wir wurden von wuchtigen Schritten unterbrochen. «Achtung,» zischte Justus, «sie kommen.» Rasch zog er mich in einen angrenzenden Raum, verschloss die Tür und zerrte ein halbhohes Regal davor. «Du kennst dich hier ja prima aus», staunte ich. Dann fiel mir ein, dass Justus immer samstags in der Bibliothek aushalf. Ich war also wirklich mitten in seinem Buch!

Illustration: Tiemo Wydler

Mein Puls beruhigte sich, obwohl das, was mir Justus erklärte, alles andere als beruhigend war: In Rocky Beach verschwanden seit einigen Wochen Jugendliche. Kommissar Reynolds hatte die Vermissten zunächst als «Ausreisser» abgetan. Aber seit auch Peter und Bob unauffindbar waren, hatte er Justus erlaubt, sich umzuhören. Alle Spuren führten in die Bibliothek. Darum hatte Justus sich heute Nacht hier einschliessen lassen. Und nun sassen wir beide in der Falle.

Es krachte gegen die Tür. «Verdammt, der Raum hat keine Fenster. Hier kommen wir nicht raus.» «Doch!», triumphierte ich, «wenn ich wegen einem Buch hier gelandet bin, kann mich auch ein anderes wieder rausholen.» Justus nickte anerkennend und fragte: «Wohin reisen wir?» Aber ich war bereits dabei, die Regale nach einem Buch über Luzern zu durchsuchen. Justus war schneller und streckte mir einen Stadtführer von 1947 entgegen. «Bloss nicht!», rief ich panisch, «1947 – dann muss ich mit meiner Oma zur Schule.» Die Schläge von draussen beruhigten mich auch nicht gerade. Zum Glück entdeckte ich einen aktuellen Prospekt von Luzern. «Aber wie soll ich hier einschlafen können?», kreischte ich. «Du kannst auch von 10 rückwärts zählen.» «Wirklich?» Er nickte und wir hielten uns an den Händen und zählten. Bei vier gab die Tür nach. Bei drei stürmten die Typen den Raum, bei zwei grapschte einer nach mir. Bei eins schloss ich die Augen und konnte nur hoffen, dass der Trick auch wirklich funktionierte und Justus so schnell zählte, wie ich.