«Klub der jungen Dichter»: Das verrückte Pilzexperiment

Linda Gisler erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie ein Experiment mit Pilzen völlig aus dem Ruder läuft und mit einer farbenfrohen Überraschung aufwartet.

Linda Gisler, Schattdorf, 6. Primar
Hören
Drucken
Teilen
Linda Gisler.

Linda Gisler.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht. Denn mitten im Flur stand mein Vater mit einem riesigen Korb Pilzen in beiden Händen. Ein Schritt zurück, ein Griff zur Türklinke und ein WUMMS hielten mich davon ab, an Pilzstinkeritis zu sterben. Ich lies mich noch einmal aufs Bett plumpsen. Wieder einmal fragte ich mich, wieso Papa immer wieder Nahrungsmittel-Gifttests und so komische Sachen machen muss?

Als sich die Lage beruhigt hatte, wagte ich mich in die Küche. «Dingdong», auch das noch, Mila wartete vor der Tür und ich stand mit dem Pyjama in der Küche. In Rekordtempo rannte ich in mein Zimmer, zog mich an und hastete zurück in die Küche, während Luna, meine kleine Schwester, in aller Ruhe mit Mila plauderte. Manchmal ist es gut, eine nervige Schwester zu haben. Aber das soll nicht heissen, dass sie nicht mehr nervig ist. «Hast du verschlafen?», fragte mich Mila wegen meiner Frisur. «Nein, das nicht, ich bin nur fast erstickt», sagte ich genervt. Jetzt schaut sie mich mit grossen Augen an, was so viel wie «Was zum Teufel ist passiert?» heisst. Also erzählte ich ihr alles von A–Z. Die Schule war wie jeden Mittwochmorgen. Nicht allzu spektakulär. Umso aufregender wurde es zu Hause. Denn Luna und Mama sassen missmutig am Küchentisch und aus dem Labor drangen viele Schimpfwörter in die Küche.

Fragend schaute ich Mama an. Sie erzählte mir, dass Luna Papas selbst hergestellte, giftfreie und wasserfeste Lebensmittelfarbe in seine untersuchungsfertige Pilzmatsche gekippt hatte. Die war jetzt blau, violett und pink. Zehn Minuten später trottete Papa wütend in die Küche. Er befahl Luna und mir, die farbige Pampe draussen auf den Kompost zu kippen. Mit einer Wäscheklammer an der Nase wagte ich mich mit Luna und der Pampe hinaus. Danach verbesserte sich die Stimmung aber nicht. Und weil Mila nicht zu Hause war, konnte ich auch nicht zu ihr flüchten.

Die Stunden bis zum Nachtessen vergingen extrem langsam. Wenigstens war Papa nicht mehr wütend und Luna nicht mehr eingeschnappt. Da ich jetzt eindeutig nicht mehr wusste, was ich machen sollte, zog ich mir meinen Pyjama an, putzte mir die Zähne und legte mich ins Bett. Als ich heute Morgen aufgestanden bin, war ich mir sicher, dass der heutige Tag besser wird als gestern, denn mein Wecker weckte mich um Punkt 6.50 Uhr und Papa stand nicht mit zwei riesigen Pilzkörben im Flur. Er sass nämlich am Küchentisch und schmierte sich ein Marmeladenbrot; heute wird er mal nicht experimentieren, weil er an irgendeiner Uni Biologie unterrichtet. Gemütlich ass ich, zog mich an und putzte mir anschliessend die Zähne, als es plötzlich an der Haustür klingelte. Kaum hatte ich die Haustür geöffnet, plapperte Mila aufgeregt drauflos: «In eurem Garten wachsen galaxiefarbene Pilze»! «Was bedeutet galaxiefarbene Pilze?», fragte ich irritiert. «Blaue, pinke und violette Pilze!», schrie sie.

Gerade als ich sie fragen wollte, ob sie farbenblind sei, packte sie mich am Arm und zog mich in Richtung Kompost. Kurz vor dem Kompost kam mir die Sache von gestern in den Sinn. Als ich die farbige Pilzarmee sah, wusste ich, dass Mila nicht farbenblind war. Eine halbe Minute später stand die ganze Familie beim Kompost. Mein Vater freute sich zuerst nicht sehr darüber, dass wir die Pilze aus Versehen neben den Kompost gekippt haben. Um so glücklicher war er, dass er jetzt eine eigene Pilzzucht hatte. Und da die Plize farbig waren, war die Zucht ein grosser Erfolg und der schlechteste Tag meines Lebens wurde doch noch zum besten Tag!

Bestimmen Sie den Siegertext mit!

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.