«Klub der jungen Dichter»: Der Beweis, dass Liebe blind macht

Livia Ziswiler schreibt in ihrer Geschichte zum "Klub der jungen Dichter", wie ein Liebesbrief tüchtig daneben geht. Oder doch nicht?

Livia Ziswiler, Horw, 5. Primar
Hören
Drucken
Teilen
Livia Ziswiler.

Livia Ziswiler.

«Da ist er! Oooh, wie süss!!! Wie hübsch!!!»

Verwirrt wache ich auf. Ich habe extrem gut geschlafen. Während ich mich für die Schule bereitmache, denke ich immer wieder an den schönen Traum zurück. Ich ziehe meine Schuhe an und gehe raus. Doch da fährt tatsächlich der Schulbus vor meiner Nase fort! Ich stutze. «Bin ich denn wirklich so spät dran?»

In meinem Kopf beginnt es zu rasen: «Es ist fast drei Kilometer weit bis zum Schulhaus und ich hab nur noch eine knappe Viertelstunde!» Widerwillig jogge ich los. Dann kann ich ja gleich für den Marathon üben, den wir in zwei Wochen haben… und jetzt bekomme ich auch noch Seitenstechen und muss wieder an die wütende Frau Huhnbart denken und an das Nachsitzen, das ich bekommen werde. Sofort laufe ich noch schneller. Und alle Schüler, die mich auslachen! Ich beginne zu rennen. Ich renne und renne bis uuuuuups!!! Ich bin gestolpert. Augenblicklich kommen mir Tränen, obwohl ich das gar nicht will. Ich versuche sie wegzuwischen, aber es sind einfach zu viele. Mein Knie ist aufgeschürft, das sieht man auf den ersten Blick. Ich drehe mich um und sehe den Stein, über den ich gefallen bin. Auf einmal kommt ein Fahrrad hinter der letzten Kurve hervor.

Mike!!! So schnell wie ich kann, stehe ich auf. Da steht er vor mir: Der Junge, von dem ich geträumt hab. Ich versuche mich davon abzuhalten, ihn zu küssen, doch ich schaffe es nur mit Mühe. «Setz dich doch», sagt er und deutet auf den Gepäckträger. Ich steige auf. Eigentlich möchte ich mehr sagen, doch es kommt nur ein krächziges «Danke» hervor. Ein paar Minuten später sitze ich mit meinen Klassenkameraden (darunter auch Mike) im Schulzimmer. Dank ihm bin ich noch rechtzeitig gekommen. In der ersten Lektion haben wir Deutsch. «Heute schreibt bitte jeder von euch einen Brief auf dem Laptop. Ich habe euch letzte Woche gezeigt, wie man das richtig macht», ruft Frau Huhnbart. Sofort hole ich meinen Computer hervor. Ich weiss genau, was und an wen ich schreibe:

Betrieber Mike

Danke, dass du mich mit deinem Fahrrad zur Schule gefahren hast. Morgen komme ich dich abholen! Vielleicht können wir mal zusammen ins Kino gehen, ich würde dich einladen.

Ich vibriere dich von ganzem Herzen,

deine Jessi

Weil die Lektion jetzt fertig ist, kann ich den Brief nicht durchlesen. Frau Huhnbart hat gesagt, wir sollen den Brief nun abgeben, damit sie ihn anschauen kann. Also sende ich, wie alle anderen, den Brief an den Drucker. Der Rest vom Tag läuft gut. Am nächsten Tag gehe ich, wie versprochen, Mike abholen. In der letzten Stunde bekomme ich endlich den Brief zurück. Sofort lese ich ihn durch. Verzweifelt stelle ich fest, dass ich statt «lieber» «betrieber» und statt «ich liebe dich von ganzem Herzen» «ich vibriere dich von ganzem Herzen» geschrieben habe.

Es bleibt mir jedoch nichts anderes übrig, als ihn so Mike abzugeben.

Eine Woche später gehe ich mit Mike ins Kino. «Möchtest du Popcorn?», frage ich ihn. «Sehr gerne!» Hand in Hand laufen wir mit den Popcorns zum Kinosaal. Jetzt ist es so weit, ich spüre es: Ich mache einen Schritt auf Mike zu und küsse ihn.

Bestimmen Sie den Siegertext mit

Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Ab heute publizieren wir täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.