«Klub der jungen Dichter»: Unverhofft kommt oft

Lynn Murer erzählt im «Klub der jungen Dichter», wie eine blutige Begebenheit eine unerwartete Erklärung findet.

Lynn Murer, Beckenried, 3. Oberstufe
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Lynn Murer.

Lynn Murer.

Ich öffnete die Zimmertür. Und traute meinen Augen nicht. Ich erblickte Blut. Sehr viel Blut. Vor mir meine Mutter. Sie hielt sich die Hand, mit der sie gerade eben noch angeklopft hatte, behutsam an die Stelle, an der sie das Messer erwischt haben musste. Anscheinend hatte sie es rausgezogen, denn es lag blutgetränkt auf dem weichen Teppichboden, welcher dem Wohnzimmer einen Anflug unmenschlicher Sauberkeit verlieh. Es lief mir eiskalt den Rücken runter. Und ehe ich mich versah, sackte sie zusammen. Reflexartig schrie ich nach meinem Vater.

Als keine Reaktion folgte, rannte ich, so schnell ich konnte, zu unserem Festnetztelefon. Ich wählte. Es dauerte keine fünf Sekunden, ertönte die rettende Stimme: «Notrufzentrale Kantonsspital ...» Ich liess die Person nicht aussprechen. Stattdessen wimmerte ich ins Telefon, ohne auch nur einmal durchzuatmen. Während ich versuchte, den Sachverhalt möglichst klar zu erläutern, drehte ich mich um. Es konnte nicht sein. Die Tür war sperrangelweit geöffnet. Es fühlte sich an, wie in einer dieser Krimiserien, nur diesmal erlebte ich es hautnah mit. Ich fiel auf die Knie. Die Situation überforderte mich völlig, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Mein Sichtfeld verschwamm. Das entsetzliche Blutgeschmier in meinem Schoss vermischte sich mit der Flüssigkeit meiner Tränen. Ich drehte meinen Oberkörper zögernd zur Seite. Da lag sie. Sie war alles, was ich noch sah.

Irgendetwas rammte grob meine Schulter, doch ich fühlte es kaum. Personen stürmten vorbei. Ihre roten Tragetaschen schrammten sie hart über den Boden. Ich schloss verkrampft die Augen. Ich hatte nur noch einen einzigen Wunsch, es sollte aufhören. Jemand hievte mich hoch und trug mich zum Wagen. Und noch während dieser Rettungssanitäter völlig beschäftigt damit war, mir Infusionen anzuhängen, welche gegen den Schock wirken sollten, kehrte die Trage zurück. Darauf meine Mutter. Ihre Augen waren geöffnet. Sie blickte mir breit grinsend direkt ins Gesicht. Mit starker Stimme, welche ziemlich ungewöhnlich für ihren eigentlichen Zustand war, meinte sie: «Ich werde nicht verbluten. Du wirst schon merken, was der Hintergrund dieser Aktion ist.» Ihre Aussage irritierte mich.

Ich bemerkte dazu, dass sie überhaupt nicht verarztet wurde. Halluzinierte ich etwa? Alle Ärzte schmunzelten. Einer holte Lappen aus einem der sterilen Einbauschränke und reichte einen meiner Mutter. Diese schwang sich elegant von der Liege und begann, sich den Hals abzuwischen. Sie bewegte sich, als wäre nichts geschehen. Ich schnappte Gesprächsfetzen auf wie: «Diese Maskenbildner waren echt Hammer!» und «Echt geniale Idee von ihm.»

Plötzlich wurde ich unsanft aus meinen Gedankengängen gerissen. Die Tür wurde ruckartig wieder geöffnet. Wir waren doch noch überhaupt nicht losgefahren? Anscheinend hatten sie dies auch nicht vor, denn nun steuerten die Ärzte zielstrebig auf unsere Garage zu. Und meine Mutter? Sie lief nebenan, das Sweatshirt noch blutgetränkt und völlig durchnässt. Sogar die Narbe, die zuvor an ihrem Schlüsselbein gut auszumachen war, schien verschwunden. Wurde ich jetzt verrückt? Ich rannte ihr hinterher. «Was soll das?», fragte ich fassungslos. Meine Stimme überschlug sich. Ein breites Schmunzeln war die Antwort. Sie führte mich vor unser Garagentor. Kurz atmete sie tief durch und wisperte: «Hinter dir.»

Ich traute meinen Augen nicht. Mein Freund kniete auf dem Asphalt und hielt mir eine kleine Schachtel entgegen. Er hatte das inszeniert? Eine blödere Variante für einen Heiratsantrag kann es wohl nicht geben! Ich wollte etwas erwidern, was mein Entsetzen über ihn zum Ausdruck brachte, doch bevor mir dies möglich war, wurde mir schwarz.

Schweissgebadet lag ich da, atmete einmal tief durch. Es war nur ein Traum. Ein Glück. Doch dann, ein Klopfen. Jenes, welches ich doch schon mal vernommen hatte ...

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Nicht weniger als 4926 Geschichten sind für den «Klub der jungen Dichter» 2019 eingegangen. Zur Auswahl standen das Thema «Liebe macht blind» sowie ein Textanfang. Wir publizieren täglich zwei der besten 40 Geschichten. Sobald sie in der Printausgabe unserer Zeitung erschienen sind, finden Sie die Texte auch unter www.luzernerzeitung.ch/dichter. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können mitvoten: Wir vergeben einen Publikumspreis für den Text, der auf unserer Homepage am meisten angeklickt worden ist. Hat Ihnen also ein Text gefallen, wählen Sie diesen online an. Sie können ihn auch etwa via Facebook weiterempfehlen und so die Klickzahlen noch erhöhen. Die Preisträgerinnen und Preisträger geben wir Mitte Dezember bekannt. Wir danken allen Autoren, ihren Angehörigen und Lehrpersonen.